Christoph Haberer: Personal Edition
08.02.2006
Rothschild's CD-Tipp:
Was das Schlagzeug hält
Die Gastmusiker sorgen für Vielfalt. Dabei würde man dem "Drümmele Maa" gerne auch als Solisten zuhören. In den Hintergrund gehört dieser Schlagzeuger jedenfalls nicht.
Jazz und Rock sind jenseits des Solos ohne Schlagzeug nicht denkbar. Es gibt zwar immer wieder (kleine) Formationen, die ohne Schlagzeug auskommen, aber im Vergleich zur Geschichte der so genannten „Klassik“ spielt das Schlagzeug, das den Rhythmus betont und vorantreibt, in Jazz und Rock eine dominante Rolle. Dass es dennoch, buchstäblich und auch in der Wahrnehmung, im Hintergrund steht, ist eigentlich verwunderlich. Es gibt nur wenig Schlagzeuger, die, wie etwa Art Blakey, Max Roach oder Ginger Baker, als Leader eigener Bands bekannt sind. Nennen Sie spontan zehn bedeutende Jazz- oder Rock-Musiker, und Sänger, Saxophonisten, Trompeter, Pianisten, Gitarristen, ja selbst Bassisten haben eine sehr viel bessere Chance, auf die Liste zu geraten, als Schlagzeuger.
Das dürfte damit zusammenhängen, dass sich die europäische Musikkultur an der Melodie orientiert und sich das Schlagzeug angeblich nicht für Melodien eignet. Traditionell wurde es im Jazz, zusammen mit dem Kontrabass und manchmal sogar mit dem Klavier, der "Rhythmusgruppe" zugeordnet. Diese war scheinbar für die Begleitung zuständig, wie das Cembalo in der alten Musik. Aber erstens gibt es durchaus Schlaginstrumente mit bestimmbarer Tonhöhe, die also für Melodien geeignet sind - das bekannteste ist wohl die Pauke, streng genommen gehört auch das Hammerklavier dazu, erst recht aber das Xylophon, das Marimbaphon, das Vibraphon und manch andere -, und zweitens gibt es keine objektivierbare Begründung dafür, dass die konventionelle Priorität der Melodie(instrumente) für alle Zeiten und in jeder Umgebung gelten muss. Komponisten wie Edgar Varèse oder Steve Reich haben das sogar im Kontext der "Klassik" begriffen.
Christoph Haberer ist ein Virtuose auf diversen Schlaginstrumenten. Er hat jetzt eine Auswahl aus seinen Aufnahmen der vergangenen 25 Jahre vorgelegt. Schon der erste Titel „holz & co“ beweist, wie spannend Schlagzeug-Musik sein kann. Aber ganz möchte sich Haberer auf Drums und Percussion nicht verlassen. Er arbeitet auch mit Synthesizern und Programming. Außerdem hat er sich für diverse Stücke Freunde eingeladen: Michael Heupel (Flöte), Paul van Kemenade (Altsaxophon), Thomas Heberer (Trompete), Stefan Bauer (Marimba und Vibraphon), Fried Bauer (Keyboards) und Ramesh Shotham (Ghatam). Diese Besetzungen sorgen für Vielfalt. Dabei würde man dem „Drümmele Maa“ gerne auch als Solisten zuhören. In den Hintergrund gehört dieser Schlagzeuger jedenfalls nicht.
Thomas Rothschild
Christoph Haberer: Personal Edition. Jazzhausmusik, JHM 145.