V.A.: Creative Outlaws. US Underground 1962-1970
16.02.2006
Rothschild's CD-Tipp:
Aus dem Untergrund
Den Alten zur Erinnerung, den Jungen zum Staunen: Neben den Heroen des Politrock findet man auf dieser CD bekannte und skurrile Einzelgänger und auch wenig bekannte Rocker.
In den sechziger Jahren wählte sich der progressive Rock das Etikett "Underground". Es entsprach dem Selbstverständnis vieler Musiker. Sie fühlten sich tatsächlich als Rebellen, die sich, halblegal, im Untergrund aufhielten. Politischer Anspruch und die Ästhetik des Rock gelangten bei ihnen zur Deckung. Dass sie, zumal "on the long run", wirkungslos blieben, dass sie keinen Reagan und keinen Bush verhindern konnten, hat die Zyniker unter den Rockkritikern, die sich über Misserfolge lieber amüsieren als unter ihnen zu leiden, zu retrospektivem Hohn und Spott veranlasst. Und dennoch: was man seinerzeit "Underground" nannte, hat, über den Rock hinaus, Kulturgeschichte geschrieben - übrigens nicht nur in den USA, sondern auch bis weit in den Einflussbereich der Sowjetunion hinein. Es hält einer Überprüfung auch heute noch stand.
Das Münchner Trikont-Label, dessen eigene wechselhafte Geschichte eng mit jener politischen Haltung verbunden ist, die auch den Underground kennzeichnet, hat nun 22 der schönsten Titel aus jener Zeit auf einer CD zusammengestellt. (Das "US" in der Bestellnummer hat nichts mit Amerika zu tun, sondern ist die Abkürzung von Trikonts einstigem Labelnamen "Unsere Stimme", der einen Anspruch formuliert.) Den Anfang macht geradezu programmatisch Jimi Hendrix mit seiner vielfach zitierten Version der amerikanischen Hymne "Star Spangled Banner". Sie ist das Musterbeispiel für die Semantisierung von Musik, für die Aufladung von textloser Musik mit (politischer) Bedeutung. Neben den Heroen des Politrock, neben Country Joe & The Fish, Captain Beefheart oder den Fugs findet man bekannte und skurrile Einzelgänger wie Moondog, Shel Silverstein, erfolgreiche Sänger und Gruppen, die ins Zentrum des Rock vordringen konnten, wie Canned Heat, Grace Slick mit der Originalversion von "Somebody To Love", MC5, Nina Simone oder die Chamber Brothers, und auch wenig bekannte Rocker wie die West Coast Pop Art Experimental Band oder Blue Cheer mit einer Coverversion von Eddie Cochrans "Summertime Blues".
Die CD der "kreativen Außenseiter" erinnert an die große Zeit des Rock, als Ausdruck und Spielfreude noch nicht durch Technik und Oberflächenglätte ersetzt war. Den Alten zur Erinnerung, den Jungen zum Staunen.
Thomas Rothschild
V.A.: Creative Outlaws. US Underground 1962-1970. Trikont, US-0338.