Fragen Sie einmal einen Abiturienten, was er über den Kapp-Putsch weiß oder über deutsche Revolutionen im zwanzigsten Jahrhundert. Sie werden ihr blaues Wunder erleben. PISA findet nicht in den Köpfen der Schüler statt, sondern in den Lehrplänen der Gymnasien. Da ist kompensatorische Erziehung vonnöten. Und sie muss auch formal nicht ausfallen wie der Geschichtsunterricht in der Schule.
Frank Baier, in Duisburg daheim, hat sich schon seit Jahren um die unterdrückte Geschichte der Region gekümmert, um die Kultur der Bergarbeiter, um das verschwiegene proletarische Erbe, das auch jenen nichts mehr gilt, die sich einst stolz als Interessenvertretung der Arbeiter präsentiert haben, den Sozialdemokraten. Jetzt hat er zusammen mit der Gruppe Grenzgänger eine bemerkenswerte CD vorgelegt, die in Liedern und Texten die Geschichte des Jahres 1920 im Ruhrgebiet, die Geschichte von Kapp-Putsch und Märzrevolution erzählt. Das ist ein pures intellektuelles und ästhetisches Vergnügen, lehrreich und unterhaltsam zugleich. Da gibt es satirische und sentimentale Töne, Rap und Kampflieder, Schnulzen und Spottverse, Anklagen und stolze Bilanzen, Bonzenschelte und Klassenbewusstsein (ein Wort, das aus der Mode gekommen ist wie die Sache selbst – sehr zur Genugtuung derer, die genau wissen, woher sie ihre Privilegien beziehen).
68 Seiten ist das Beiheft dick. Es enthält die Liedtexte und weitere nützliche Informationen. Diese CD gehört in jede Schulbibliothek. Auch wenn sie, was zu befürchten ist, beim nächsten PISA-Test nicht abgefragt werden sollte.
Thomas Rothschild
Die Grenzgänger & Frank Baier: 1920: Lieder der Märzrevolution. Müller-Lüdenscheidt-Verlag (Vertrieb: Conträr/Indigo). (Erscheint am 3. März)
Homepage von Frank Baier