Van Morrison: Pay The Devil
15.03.2006
Rothschild's CD-Tipp:
Morrison goes Country
Die Stimmungen, mal eher melancholisch, mal optimistisch heiter, vereint die Intensität der Interpretation, die spürbare Konzentration, die bei Live-Auftritten Van Morrisons auch sichtbar wird.
Ich fühle mich privilegiert. Ich durfte zu einer Zeit jung sein, als die Rockmusik Künstler hervorbrachte, die heute, vierzig Jahre danach, immer noch alle in den Schatten stellen, die den Äther und die Plattenläden füllen und in ein, zwei Jahren vergessen sein werden. Irgendwie erscheint mir die Jugend des 21. Jahrhunderts eine betrogene Generation zu sein. Nicht nur wegen der ausbleibenden Renten, nicht nur wegen der schlechten Chancen, befriedigende Arbeit zu finden, sondern vor allem, weil man sie mit kommerziellem Schmarrn abfüttert, statt ihr eine zugleich eigenständige und anspruchsvolle Kultur anzubieten, mit der sie sich identifizieren und über die sie sich definieren könnte.
Zu den Göttern meiner Generation gehörte Van Morrison und er ist ein Gott geblieben. Auf seiner neuen CD verleugnet er seine Rock- und Folkvergangenheit und beweist sich als begnadeter Countrysänger. Das Faszinierende an dieser CD ist, dass Van Morrison exakt den Ton des Country & Western trifft, den legendären Nashville-Sound und doch mit jedem Song als der Sänger erkennbar bleibt, den wir - ich sagte es bereits - seit vier Jahrzehnten lieben. Diese knödelnde Stimme, dieser bruchlose Wechsel von hohen in tiefere Register, diese Ernsthaftigkeit im Ausdruck, diese unbeirrbare Musikalität - das sind die unverwechselbaren Attribute von Van Morrisons Gesang, die ihn zu einem Unikum der populären Musik machen wie andere, nicht weniger deutliche Eigenheiten Bob Dylan, Randy Newman, Mick Jagger, Patti Smith oder Joe Cocker. Es kann doch kein Zufall sein, dass Filme über Ray Charles, Johnny Cash oder auch Bobby Darin ein Massenpublikum anziehen. Es liegt doch nicht an deren Biographien. Sie waren einfach Sängerpersönlichkeiten, wie es sie heute nicht mehr gibt, weil es sie nicht mehr geben darf. Sie passen nicht in eine Welt des schnellen Umsatzes und der täglich wechselnden Moden.
Die Musik, die Van Morrison auf seiner jüngsten CD anbietet - darunter der Countryklassiker "Your Cheatin' Heart" von Hank Williams -, hätte auch vor fünfzig Jahren schon so aufgenommen werden können. Und doch klingt sie keinen Augenblick verstaubt. Die Stimmungen, mal eher melancholisch, mal optimistisch heiter, vereint die Intensität der Interpretation, die spürbare Konzentration, die bei Live-Auftritten Van Morrisons auch sichtbar wird. Da gibt es keine visuellen Kinkerlitzchen. Was zählt, ist allein die Musik. Wer sich etwas Gutes antun will, sollte darauf nicht verzichten.
Thomas Rothschild
Van Morrison: Pay The Devil. Polydor/Universal.