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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 16:57

 

C. Thewes Undertone Project: Bilder einer Ausstellung

13.04.2006

Rothschild's CD-Tipp:

Neue Bilder


Experiment geglückt: Radikal eingegriffen wurde vor allem in die Rhythmik des Originals. Obwohl stellenweise sehr frei improvisiert wird, ist das thematische Material, das Mussorgskij vorgibt, in dieser Jazz-Version durchaus deutlich zu identifizieren.

 

Modest Mussorgskijs "Bilder einer Ausstellung" gehören gewiss zu den populärsten Kompositionen der Musikgeschichte. Das liegt an den eingängigen Melodien, aber nicht zuletzt auch an der Tatsache, dass es sich bei diesem Zyklus um Programmmusik handelt. Es waren tatsächlich Bilder einer Ausstellung, die Anlass boten zu den Kompositionen. Die Musik erzählt die in den Bildern dargestellten Geschichten nach. Und das kommt einem Bedürfnis „naiver“ Hörer entgegen, die Schwierigkeiten haben mit Künsten, die auf einen Bezug zur Erfahrungswirklichkeit, auf Semantik verzichten. Musik, bei der man sich etwas vorstellen darf, was nicht Musik ist, etwa Vivaldis "Vier Jahreszeiten", Beethovens sechste Symphonie, Tschajkovskijs "1812", Smetanas "Moldau", auch der "Till Eulenspiegel" des Richard Strauß, profitieren von der narrativen Dimension der "Tondichtung", der synästhetischen Verführung von "Tonmalerei". Das gilt zum Beispiel auch für Gustav Holsts "Planeten", die Simon Rattle gerade wieder ins Bewusstsein gehoben hat.

Mussorgskij hat seine "Bilder einer Ausstellung" als Klavierstück notiert. Berühmt geworden sind sie in der Instrumentierung durch Maurice Ravel. Aber selbst Rockmusiker wie Emerson, Lake & Palmer konnten sich dem Zauber der "Bilder einer Ausstellung" nicht entziehen. Sie haben wiederum eine ganze Generation mit ihrer Version dieser Komposition vertraut gemacht, von der wahrscheinlich ein großer Teil kein anderes russisches Musikstück kennt. Selbst der früher beliebte und ebenfalls tonmalerische "Hummelflug" von Rimskij-Korsakov, der übrigens als Virtuosenstück auch in den Jazz Eingang gefunden hat, wird heute kaum noch gespielt.

Jetzt haben vier Jazzmusiker eine ganz eigenwillige Fassung der "Bilder einer Ausstellung" geschaffen: Christof Thewes an der Posaune, Martin Schmidt am E-Bass und der Mandoline, Hartmut Oßwald an Saxophon und Bassklarinette und Daniel Prätzlich an Schlagzeug und Glockenspiel. Das Quartett nennt sich Undertone Project, und sein Experiment ist geglückt. Radikal eingegriffen wurde vor allem in die Rhythmik des Originals. Obwohl stellenweise sehr frei improvisiert wird, ist das thematische Material, das Mussorgskij vorgibt, durchaus deutlich zu identifizieren. Selbst die Grundstimmung der einzelnen Stücke wird meist beibehalten. Bemerkenswert ist, dass die kleine Besetzung einen vollen Klang produziert, der sich stellenweise der Orchesterfassung Ravels nähert. An anderen Stellen wiederum setzt das Undertone Project auf einen völlig anderen, befremdlichen, aber überzeugenden Sound. Den Jazzaspekt betont in erster Linie die Posaune, während die elektrische Gitarre eher in Richtung des Rock und der experimentellen Musik ausschert. Eine Affinität entwickelt sie mit der Bassklarinette, mit der sie manchmal bis zur Ununterscheidbarkeit verschmilzt. Das Schlagzeug hält sich zurück.

Es geht hier ganz offensichtlich nicht darum, die "Bilder einer Ausstellung" in populistischer Weise zu verrocken, sondern um eine zeitgenössische Formulierung einer längst "klassisch" gewordenen Komposition. Wir dürfen hoffen, dass die leidige Diskussion, die zurzeit dem Regietheater den Kampf angesagt hat, nicht auch Musikadaptionen dieser Art ins Visier nimmt. Wer hier "Texttreue" fordert, hat nichts begriffen. Der spektakuläre Erfolg von Emerson, Lake & Palmer wird dem Undertone Project wohl vorenthalten bleiben. Liebhaber aber des Besonderen sollten zugreifen.

Thomas Rothschild


Christof Thewes Undertone Project: Bilder einer Ausstellung.
JazzHausMusik, JHM 149.
Homepage des Undertone Projects
In "Promenade 1 au 'Bilder einer Ausstellung'" reinhören

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