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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 16:59

 

Swinging Delphi

12.05.2006

Rothschild's CD-Tipp:

Der Tanzpalast


Aufnahmen von jenen Orchestern, die zwischen 1936 und 1942 im Delphi-Palast in Berlin aufgetreten sind. Nicht nur von historischem Wert.

 

Eines meiner Lieblingshotels, das Savoy in der Berliner Fasanenstraße, liegt genau dem Delphi Filmpalast gegenüber, dem "Stammhaus" des Internationalen Forums des jungen Films bei der Berlinale. Der langjährige Empfangschef des Hauses, ein mittlerweile in den Ruhestand gegangener würdiger Herr, der dennoch an jedem Werktag zwei Stunden an einem barocken Schreibtisch im Foyer seinen "Dienst" vollzieht und den man hier auch nicht missen möchte, erzählte mir von einem Stammgast, der, ungeachtet des Straßenlärms, stets auf ein Zimmer "nach vorne raus", also auf die Fasanenstraße und mit Blick auf das Delphi und das dahinter liegende Theater des Westens bestehe. Es erinnere ihn an jene Kriegsjahre, in denen vom Delphi herauf die Klänge des damals offiziell übel beleumundeten Jazz eines Teddy Stauffer zu vernehmen waren.

Das Delphi galt in den Jahren 1928-1942 als "Europas prunkvollster Tanzpalast". Josef König, der das zunächst wirtschaftlich erfolglose Etablissement 1930 gekauft hatte, musste 1933 das Land verlassen, weil er Jude war. Der beliebte Swing aber, von den Nationalsozialisten als "amerikanische Unkultur" und "Negermusik" verachtet, konnte im Delphi unter der Leitung von Königs vormaliger nichtjüdischer Lebensgefährtin weiterhin zum Tanz animieren - bis Ende 1942, als der letzte Anschein von Normalität des Alltags dem totalen Krieg geopfert wurde. Es war ein ständiger Balanceakt zwischen Verbot und Duldung. Ab und an wurde sogar ein Stück eines jüdischen Komponisten oder ein Lied mit englischem Text ins Repertoire geschwindelt. Ob man den Jazz im Berlin des Dritten Reichs als Ablenkung von den zunehmenden Verheerungen des Weltkriegs und den Verfolgungen im eigenen Land oder als subtile Opposition betrachten will, liegt am Interpreten. Wahrscheinlich trifft beides zu. Unmittelbar dem Text lässt sich diese Ambiguität bei dem Lied „Wenn die Lichter wieder scheinen“ entnehmen, das Greta Wassberg mit dem Orchester ihres Mannes Arne Hülphers aus Schweden singt.

Es befindet sich auf einer CD, auf der, von einer Berliner Schelllackplattensammlung überspielt, Aufnahmen aus jener Zeit und von jenen Orchestern vorliegen, die zwischen 1936 und 1942 im Delphi-Palast aufgetreten sind. Sie wirken, verglichen mit den besten amerikanischen Swingorchestern der dreißiger und vierziger Jahre, größtenteils brav, gezähmt, man möchte fast sagen: eingedeutscht. Am Casa-Loma-Orchester aber, das dem in Deutschland so beliebten Schweizer Teddy Stauffer als Vorbild diente, können sich einige Titel durchaus messen lassen. So hat die CD nicht nur historischen, sondern durchaus auch aktuellen kulinarischen Wert.

Thomas Rothschild


Swinging Delphi. Ein Tanzpalast und seine Bands 1936-1942. Pumpkin Pie, 010 01 (Vertrieb: Edel).
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