In seinen gescheiten und anregenden Aufsätzen über Autonomie und Gnade hat Ivan Nagel überzeugend nachgewiesen, wie sehr Mozarts Kompositionen historisch bedingt sind und welche in der Zeit ihrer Entstehung verwurzelte Botschaften sie enthalten. Umso erstaunlicher schien es, dass just Ivan Nagel zu den eifrigsten europäischen Propagandisten von Peter Sellars gehörte, der Mozarts Opern auf eine ziemlich vordergründige Weise in die Hinterhöfe der Bronx oder in einen amerikanischen Diner verlegte. Wie sollte sich diese oberflächliche visuell-inszenatorische Scheinaktualisierung mit der an der Bruchstelle des Feudalismus und der bürgerlichen Epoche lokalisierbaren Musik Mozarts zu einem Ganzen fügen? Wer derlei Aktualisierung anstrebt, sollte auch nicht davor zurückschrecken, in das kompositorische Material selbst einzugreifen. Als aber Christoph Marthaler in seinem Salzburger Figaro die Rezitative eher zaghaft, jedenfalls diskret auf einem Synthesizer und anderen bei Mozart unerhörten Instrumenten begleiten ließ, schlug ihm und Gérard Mortier die Empörung der konservativen Kulturverwalter in Publikum und Presse entgegen.
Eine gelungene "Modernisierung" verhält sich zur Partitur wie eine der seltenen gelungenen Literaturverfilmungen zur Vorlage. Sie wird dem Komponisten ebenso gerecht wie, sagen wir, Faßbinder mit Berlin Alexanderplatz Döblin. Marthaler hat in Salzburg den Figaro endgültig von jeglicher Rokokoketterie befreit und stattdessen auf Mozarts Sinn für musikalischen Spaß gebaut. Er versetzte die Komödie der erotischen Irrungen und Verwirrungen in einen typisch Viebrockschen Würfel, eine Art altmodische Passage, ausgestattet mit Hochzeitsattributen und gedeckelt von einem surrealen Obergeschoss, und füllte ihn mit alpenländischer Kauzigkeit, zu der auch der über die Bühne geisternde Keyboarder Jürg Kienberger gehörte.
Dieser Salzburger Figaro kehrte zurück zu den volkstümlichen Quellen, aus denen Mozart geschöpft und die er so grandios verwandelt hat. Deshalb darf an Schlagerparade und Jodelglück erinnert werden. Dass Musikantenstadl und Festspielhaus nicht mehr so deutlich getrennt sind, wie es die Standesdünkel der angereisten Smokingträger fordern, macht böses Blut. Umso mehr, wenn sich die österreichische Bourgeoisie plötzlich in Almaviva wiedererkennen musste: der trug bei Marthaler einen Trachtenanzug aus Lodenstoff, als käme er gerade zu Besuch vom benachbarten Attersee.
Hier muss man anknüpfen, wenn man von der Mozartband spricht. Deren Erfinder Wolfgang Staribacher kommt aus dem Umkreis von Hubert von Goisern, dessen adeliger Künstlername bekanntlich aus seinem Geburtsort am Hallstätter See bezogen wurde, der vor allem durch sein Schuhwerk, die Goiserer, bekannt ist. Lassen wir also das dümmliche Argument der Werktreue beiseite, die Beschwörung der Pietät vor einem längst verstorbenen Künstler. Entscheidend ist die Frage: gewinnt Mozarts Musik etwas hinzu, wenn man mit ihr verfährt, wie es die Mozartband tut (oder, um ein ganz anderes Beispiel zu nennen: wie es Max Reger tat), oder geht dabei etwas verloren. Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Fest steht, dass solche Experimente die Möglichkeit in sich bergen, junge Hörer, die mit Rock und Pop aufgewachsen sind, an musikalisches Material heranzuführen, das ansonsten nicht in deren Gesichtskreis geriete. Und schließlich: wer Mozart im Original hören will, wird daran nicht gehindert. Die Mozartband nimmt ja nicht alle vorausgegangenen Aufnahmen vom Markt. Sie demonstriert eine Möglichkeit unter vielen, und dass diese unterhaltsam ist, lässt sich kaum leugnen.
Mag sein, dass für die Mozartband gilt, was man einst gegen Jacques Loussier oder die Swingle Singers vorgebracht hat: dass sie einem bürgerlichen Publikum, das Jazz und Rock verachtet, den Zugang zur so genannten U-Musik ebnet, indem es mit den anerkannten Werten der "Klassik" lockt. Der umgekehrte Weg also zu jenem, der von Pop zur Klassik führen sollte. Aber gibt es überhaupt noch Jugendliche, denen Mozart oder Bach vertrauter wäre als Madonna oder Britney Spears? Bleibt die Unbefangenheit des anything goes. Und wirklich neu ist ja nur die unverhüllte Berufung auf Mozart. Anklänge dieser Art gab es in der gesamten Rockgeschichte, bei den Beatles, bei Nice, bei Emerson, Lake and Palmer, bei Queen und bei zahllosen anderen. Die Eingriffe in das vorliegende Material sind bei der Mozartband vielfältig. Die Hinzufügung einer Rhythmusgruppe versteht sich bei Versuchen dieser Art fast von selbst. Besondere Reize gehen von der Verwendung der Melodieinstrumente aus und vom Einsatz der Vokalstimmen, deren Freiheiten die Tradition ganz gewiss bereichern. Die Mozartband ist gegen Geschmacksverirrungen gewappnet. Das unterscheidet ihre Musik von den tatsächlich unerträglichen kitschigen Easy-Listening-Versionen von Beethovens Schlusssatz aus der Neunten oder diversen Fahrstuhl-Chopins. Wenn denn die Mozartband nichts anderes bewiese als dies: wie widerstandsfähig Mozarts musikalische Erfindungen sind gegenüber Bearbeitungen, dann sollten selbst Skeptiker zufrieden sein.
Resümee? Ich glaube nicht, dass Mozart solche Auffrischung, die man als extremes Gegenstück zur Originalklangbewegung begreifen kann, benötigt, wie Shakespeare auch ohne die Bearbeitungen durch Luc Perceval oder Marc von Henning "funktioniert". Ich glaube aber auch nicht, dass solche Bearbeitungen unzulässig seien. Ich finde sie vergnüglich, sie machen mich neugierig. Nicht zuletzt auf das nächste Konzert mit Harnoncourt.
Thomas Rothschild
Mozartband:
soul. Virgin 07243 811138 2 0 (
www.blankomusik.de)