In jenen frühen Tagen, als es noch keine Möglichkeiten der Tonaufzeichnung gab, war der Tod von Sängern endgültig. Sie werden als Legenden kolportiert, als Namen, aber wie sie gesungen haben - das ist für immer verloren. Heute überleben Sängerinnen und Sänger als Konserven ihren Tod. Mehr noch: sie bleiben, wie die Filmstars auf der Leinwand, ewig jung, ewig in jenem Alter, in dem die Aufnahmen gemacht wurden. Und manchmal sprechen uns Sänger sogar aus dem Grab heraus an. Wenn nämlich Aufzeichnungen entdeckt werden, die zu Lebzeiten unpubliziert blieben.
Johnny Cash ist tot, aber seine zahlreichen Fans dürfen sich über zwölf Songs freuen, die er unmittelbar vor seinem Tod aufgenommen hat und die dieser Tage als CD auf den Markt kamen. Überraschungen sollte man nicht erwarten. Es beginnt mit einem religiösen Lied, einem gesungenen Gebet, und geht weiter mit den für Cash charakteristischen Story-Songs und mit Liebesliedern. Einige hat Cash selbst geschrieben, andere hat er gecovert, so etwa Gordon Lightfoots Klassiker "If You Could Read My Mind", Bruce Springsteens "Further on Up The Road", "On The Evening Train" von Hank Williams oder Don Gibsons "A Legend In Time". Schlicht wie die Kompositionen sind die Arrangements, die Aufnahmen wirken auf eine sympathische Weise handgemacht, wie für den Privatgebrauch aufgenommen. Hier hört man einen ganz intimen Johnny Cash, der auf jede technische Aufmöbelung verzichtet. So mag er mit der Gitarre vor Gefangenen in Strafanstalten gesungen haben.
Thomas Rothschild
Johnny Cash: American V: A Hundred Highways. American Recordings, 0602498626962 (Vertrieb: Universal).
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