Allzu zahlreich sind sie nicht, die Musiker aus der so genannten Klassik, die auch im Jazz reüssieren. Der bekannteste Fall, jedenfalls in Europa, ist wohl Friedrich Gulda, und das bürgerliche Konzertpublikum hat sich vor ihm gründlich blamiert. Umgekehrt gibt es auch nicht allzu viele Jazzmusiker, die sich, wie Benny Goodman, Keith Jarrett oder Wynton Marsalis, auch als hervorragende Solisten in der "Klassik" profilieren konnten. Es sind eben doch zwei sehr verschiedene Idiome, und der Vorwurf, ein Jazzpianist habe für Bach oder Beethoven den "falschen" Anschlag, einem Mozartinterpreten fehle beim Jazz der Swing, ist zum Stereotyp geraten.
Nun hat sich Nigel Kennedy gerade dadurch einen Namen gemacht, dass er "klassische" Musik in Gestus und Phrasierung der Popmusik angenähert hat, und tatsächlich konnte er damit ein junges Publikum erreichen, das zuvor nicht unbedingt Vivaldi gehört hat. Es ist also nicht weit hergeholt, wenn er sich auch dem Jazz zuwendet. Sprechen wir es aus: ein Grappelli, ein Ponty, ein Urbaniak ist Kennedy nicht. Das wird umso deutlicher, wenn er mit so eminent "jazzigen" Künstlern zusammenspielt wie dem Saxophonisten Joe Lovano, dem Trompeter Kenny Wheeler, dem Organisten Lucky Peterson, dem Bassisten Ron Carter oder dem Schlagzeuger Jack de Johnette. Ihnen ist er nicht gewachsen. Aber gelten kann man das schon lassen, was Nigel Kennedy auf seiner elektrischen Violine einfällt – einmal sogar in einer Eigenkomposition. Insgesamt, mit dem herrlichen Ensemble, ist diese Musik ein Vergnügen, wenn auch keine Sternstunde der Jazzgeschichte.
Thomas Rothschild
Nigel Kennedy: Blue Note Sessions. Blue Note/EMI, 0946 3 57050 2 7.
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