Nach langer Zeit gibt es - endlich - wieder eine neue CD von Franz Josef Degenhardt. Wer einen ganz neuen Degenhardt erwartet, wird, je nachdem, enttäuscht oder erfreut sein. Der Sound, der uns da entgegenschlägt, ist uns seit mehr als vierzig Jahren vertraut. Er ist unverwechselbar, und es gab Zeiten, da ihn jeder im Ohr hatte, der sich in Deutschland für mehr interessierte als für gutes Essen und günstige Anlagemöglichkeiten.
Franz Josef Degenhardt, so sehr er von dem großen Franzosen Georges Brassens beeinflusst ist, kann in vieler Hinsicht als der „deutscheste“ unter den Liedermachern gelten. In welcher weit zurückreichenden Tradition er steht, belegt eine Bearbeitung eines Textes des mittelalterlichen Poeten Oswald von Wolkenstein auf der neuen CD. Und dass sich Degenhardt, der im Dezember 75 wird, auch in diesen Tagen des totalen Kapitalismus nicht dem allgemeinen Schweigekartell anzuschließen wünscht, demonstriert er, indem er ein Gedicht von Peter Hacks vertont.
Immer wieder hat Väterchen Franz auch Titel aufgenommen, in denen er zu einer ostinaten Gitarrenbegleitung in seinem typischen Tonfall einen ungereimten Text spricht. Diesmal heißt er „Auf der Heide“, und er enthält alle Tugenden von Degenhardts Liedern, das politische Engagement, die poetische Verdichtung, die überraschende Pointe.
In den eigentlichen Liedern begegnen wir jenen Motiven, die wir aus früheren Liedern Degenhardts kennen, in denen Privates und Gesellschaftliches eine Einheit bildet, in denen Anklänge an Volkslieder und romantische Dichtung der demokratischen Tradition dienstbar gemacht werden, zum Beispiel die Kneipe am Bahndamm, zum Beispiel der Becher Wein unter Bäumen. Wie ein Gespräch über Bäume mit den Gefolterten dieser Erde in Einklang gebracht werden könne - das ist für Degenhardt kein geringeres Problem als einst für Brecht. Treu geblieben ist Degenhardt auch einer Geschichtsauffassung, die ihm manche übel nehmen: "Dass Hitler, der schlimmste Verbrecher,/ nur auszuschalten war/ mit Stalin, diesem Halunken,/ wenn dus erklärtest, wurds einem klar." Man muss diese Ansicht, so unwiderlegbar sie in ihrer faktischen Aussage ist, nicht teilen. Aber warum ist sie für die Medien ein heftigeres Tabu als die Mitgliedschaft in der Waffen-SS?
Thomas Rothschild
Franz Josef Degenhardt: Dämmerung. Koch Universal, 06024 9878127. Erscheint am 22. September.
Reinhören in "Dämmerung"