Tord Gustavsen Trio: Changing Places
19.02.2004
Rehabilitierte Tonalität
Die Künste entwickeln sich nicht linear. Die Vorstellung, sie würden Fortschritte machen, hinter die nicht "zurückgefallen" werden dürfe, erscheint zwar verlockend und verleiht dem Kritiker das Gefühl, sich jeweils gerade "auf der Höhe der Zeit" zu befinden, aber so laufen die Dinge bei genauerer Betrachtung nicht. Immer wieder greifen Künstler auf ältere, scheinbar überholte Formen und Verfahren zurück, weil sich erweist, dass ihre Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft sind. Und so gleicht die Evolution der Künste eher einer Spirale als einer Linie.
In der Musik konnte man zu einem bestimmten Zeitpunkt den Eindruck haben, die Tonalität habe sich erschöpft, wer sich ihrer noch bediene, sei hoffnungslos reaktionär. Dieser Standpunkt wurde auch von einem verständlichen Trotz jenen gegenüber getragen, die sich spießig und hörfaul gegen die atonale Musik des zwanzigsten Jahrhunderts wandten. Inzwischen erkennen wir, dass es durchaus noch ungenutzte Ausdrucksmöglichkeiten im tonalen Idiom gibt, ohne dass man deshalb den Ausbruch aus der Tonalität diffamieren müsste. Und so stellt das einer stabilen Tradition verpflichtete Trio des Norwegers Tord Gustavsen dreizehn Eigenkompositionen vor, die fast schlagerartigen Charakter haben, einschmeichelnd melodiös, von einer minimalistischen Schlichtheit, fast alle im balladesk langsamen Tempo. Das Trio besteht aus Tord Gustavsen am Klavier, Harald Johnsen am Bass und Jarle Vespestad am Schlagzeug. Es besticht durch sein feinfühliges Zusammenspiel, durch die unprätentiöse Klarheit der Melodieführung und durch den sensiblen Anschlag des Pianisten. Mag sein, dass sich der eine oder andere Hörer an Barmusik erinnert fühlt. Wenn freilich Barmusik solche Qualität hat, dann ist diese Kategorisierung keine abschätzige.
Thomas Rothschild
Tord Gustavsen Trio: Changing Places. ECM 1834