Ob Mariza die beste lebende Fado-Sängerin ist, mag Geschmackssache sein. Die attraktivste ist sie allemal. Manieristisch wie ihre Performance bei Live-Auftritten ist auch ihr Gesang. Mit der Konzeption von "Authentizität" kommt man beim Fado nicht weit.
Fado ist für die Portugiesen, was der Blues für die Schwarzen Nordamerikas oder Flamenco für die andalusischen Roma ist: ein ganz eigentümlicher musikalischer Ausdruck eines Lebensgefühls, verwandelt in eine Sprache und einen Stil, die nur geringe Abweichungen zulassen. Die Grundstimmung des Fado ist eine zehrende Melancholie, ein Übermaß an Nostalgie - wonach, spielt keine Rolle. Das große Vorbild für alle Fado-Sängerinnen ist Amália Rodrigues, die außerhalb Portugals lange Zeit kaum wahrgenommen wurde - allenfalls in Frankreich, wo das Chanson und seine Paläste, das Olympia oder das Bobino in Paris, auch für andere europäische Gesangstraditionen den Weg bereitet haben. In den vergangenen Jahren hat Misia dem Fado ein neues, junges Publikum zugeführt. Und nun eben Mariza.
Ihr "Concerto em Lisboa" zeigt ihr ganzes Können, die Nuancen ihrer gesanglichen Ausdrucksfähigkeit. Begleitet wird Mariza nicht etwa von einem kleinen Ensemble, sondern von einem großen Orchester. Das Ergebnis ist bestechend. Der inflationär gebrauchte Begriff der "Weltmusik" führt dabei in die Irre. Wir haben es hier mit einer Spielart europäischer Populärmusik zu tun, die allzu oft, aus rein ökonomischen und keineswegs aus ästhetischen Gründen, im Schatten der nordamerikanischen Musik steht.
Thomas Rothschild
Mariza: Concerto em Lisboa. Capitol, 0946 3 77992 2 2 (Vertrieb: EMI).
Reinhören in "Concerto em Lisboa"