Seltsam: Wenn man den Niedergang der Popmusik im Zeichen der allgemeinen Kommerzialisierung beklagt, wird einem entgegengehalten, die Jugend habe nun mal einen anderen Geschmack als die Generation ihrer Eltern, was gegenwärtig auf den Markt komme, entspreche den ästhetischen Bedürfnissen derer, die heute die Discos und die Lounges frequentieren. Wenn dann aber ein Lebenszeichen der längst Totgesagten, eine neue CD der Helden der sechziger und siebziger Jahre veröffentlicht wird, wenn sich Yusuf alias Cat Stevens oder Eric Clapton oder J.J. Cale oder Bob Dylan oder Meatloaf oder Leonard Cohen aus der Gruft heraus melden, dann bleibt der unmittelbare Erfolg, auch bei den Jungen, nicht aus. Offenbar haben die etwas zu sagen, was auch heute noch interessiert.
The Who sind mit "Tommy" in die Rockgeschichte eingegangen. Ihr Song "My Generation" galt geradezu als Hymne - nun, ihrer Generation eben. Und nun sind sie wieder da, mit Songs, die klingen, als wäre seit damals keine Zeit vergangen. Der vertraute Sound, der bekannte Wechsel von Hard Rock und lyrischen Einlagen. Weil die neuen Songs allerdings zum Teil sehr kurz sind, passen neunzehn Stück auf eine CD, als wollte die Gruppe zeigen, was sie noch alles drauf hat. Da hören wir also die ausdrucksstarke Stimme von Roger Daltrey, da darf das Multitalent Pete Townshend seine Kunststückchen vorführen, da sind sie wieder, die einprägsamen Riffs, deren Wiederholung ausreicht, um einem den Atem zu nehmen. Daltrey und Townshend, sie waren Kopf und Herz von The Who, und sie sind es auch in neuer Umgebung geblieben. Wie Yusuf auf seiner fast gleichzeitig erschienenen CD zitieren sie sich selbst und beweisen damit die Kraft und die Zeitlosigkeit des musikalischen Idioms, das in vielfacher Gestalt erfunden wurde, als Rock die lebendigste unter den musikalischen Gattungen war.
Neulich sah ich einen Dokumentarfilm, in dem eine Mutter aus der Generation von The Who in einem Streitgespräch gegenüber ihrer (filmenden) Tochter - es ging um Vor- und Nachteile der Hausgeburt - den vernünftigeren, aufgeklärteren, kurz: den moderneren Standpunkt vertrat. Es ist nicht ausgemacht, dass das Neuere auch das Progressivere sein muss. Das gilt auch in der Rockmusik. The Who braucht keinen Vergleich zu scheuen. Tommys Väter sind immer noch jünger als mancher HipHop-Greis.
Thomas Rothschild
The Who: Endless Wire. Polydor, 1712655 (Vertrieb: Universal).
Reinhören in "Endless Wire"