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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 17:18

 

Pierre Favre Ensemble: Fleuve

13.12.2006

Rothschild's CD-Tipp:

Eigenartig


Fast hat man den Eindruck, als hätte da ein Musiker, älter geworden, begriffen, dass es in dieser zunehmend kommerzialisierten Welt nur eine Verpflichtung gibt, die man einhalten muss: die Verpflichtung gegenüber der Kunst, die man betreibt.

 

Der Schweizer Pierre Favre gehört seit langem zu den bedeutendsten Perkussionisten des (europäischen) Jazz. Er hat stets aufs Neue den Beweis angetreten, dass auch Schlaginstrumente mit zum Teil unbestimmbarer Tonhöhe, die sich also zum Spielen von Melodien nicht oder nur schlecht eignen, Möglichkeiten eröffnen, die den Jazz bereichern. Vom lauten Dreinschlagen, vom puren Rhythmisieren ist Favre weit entfernt.

Sein aktuelles Ensemble besteht aus Philipp Schaufelberger an der Gitarre, Hélène Breschand an der Harfe, Wolfgang Zwiauer an der Bassgitarre, Bänz Oester am Kontrabass, dem überraschenden Frank Kroll an Sopransaxophon und Bassklarinette und dem virtuosen Tubajazzer Michel Godard. Schon diese ungewöhnliche Besetzung verheißt einen seltenen Klang, in dem sich die Harfe, die Gitarre, in einigen Titeln das Sopransaxophon und manche Perkussionsinstrumente mit der kräftigen Basspräsenz reiben. Aber Pierre Favre setzt nicht auf puren Klangreiz. Insbesondere das vierte Stück der CD, "Reflet Sud", besticht durch seine kompositorische Dichte und seinen komplexen Rhythmus, wie auch das abschließende Stück "Decors", das Raum lässt für ein knappes, schönes Schlagzeugsolo.

So anpassungsfähig Pierre Favre erscheint, wenn er sich den Gruppen diverser Kollegen zugesellt, so eigensinnig und offenbar immun gegen gängige Strömungen erweist er sich mit seinem eigenen Ensemble. "Fleuve" steht jenseits der aktuellen Moden. Eingeflossen sind Erfahrungen jenseits des Jazz, den nicht nur Pierre Favre, sondern auch die meisten seiner Ensemblemitglieder im Laufe der Jahre gesammelt haben. Fast hat man den Eindruck, als hätte da ein Musiker, älter geworden, begriffen, dass es in dieser zunehmend kommerzialisierten Welt nur eine Verpflichtung gibt, die man einhalten muss: die Verpflichtung gegenüber der Kunst, die man betreibt. Diese Treue zu den persönlichen Überzeugungen darf nicht mit hermetischer Unverständlichkeit verwechselt werden. Favres Musik ist nicht schwierig. Sie ist bloß, im besten Sinne, eigenartig.

Thomas Rothschild


Pierre Favre Ensemble: Fleuve. ECM Records, ECM 1977 (Vertrieb: Universal).

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