Es ist schon etwas seltsam Kleintreterisches um uns Deutsche. Da haben wir eine Musik, um die uns die gesamte Christenheit beneidet, die Weltkulturerbe ist, die ins Herz trifft, wie kaum etwas sonst auf diesem tristen, eitlen Planeten - und was wird daraus gemacht? Wir verpoppen, verswingen, verjazzen sie, als ob sie nur dieserart hörenswert ist: überschmiert mit amerikanischer Marmelade. Das Erfolgsrezept! Aber wozu zerrt sie ein Komponist und Produzent wie Dieter Falk - bekannt geworden durch seine Arbeit für Pur und an der Seite von Nina Hagen und einem Berliner Tanzbär als Juror bei der Sendung "Popstars" als Juror tätig - überhaupt an die Mischpulte der Tonstudios von Berlin oder London?
Zugegeben, die Lieder von Paul Gerhardt sind fast 400 Jahre alt und in ihrem Viertel- und Halbe-Rhythmus nicht gerade das, was man gemeinhin einen Ausbund an ungebremster Lebensfreude nennt. Aber das Missverständnis liegt woanders. Warum überhaupt haben die Melodien diese pastorale Behäbigkeit an sich? Zum Singen in der Gemeinde waren diese Rhythmen einfach optimal, sie fügten die unzähligen Stimmen leichthin zu einem Chor zusammen und waren in ihrer vordergründigen Einfachheit darüber hinaus auch ausgezeichnet zu memorieren. Doch dies ist gar nicht der zwingendste Grund. Warum also waren knackige Grooves im 17. Jahrhundert nicht so beliebt wie heutigentags? Schlagwerk gab es zur damaligen Populärmusik auch, ebenso am Hofe oder beim Militär. Und hier liegt vielleicht die Wurzel des Unverständnisses. Angesichts des Dreißigjährigen Krieges, den man getrost als "Allerersten Weltkrieg" bezeichnen kann (im Verhältnis zu 1914-1918 oder gar zu 1939-1945 wurden damals weitaus mehr Menschen Opfer der Kriegsgräuel, und die allgemeine Zerstörung war umfassender Natur) erschien die Trommel als ein Signal des Schreckens, des Herannahenden Unheils, der Gewalt. Die reine Harmonie des Gesangs, begleitet von der himmlischen Orgel, war ein Ideal, das der damaligen Seele so friedsam wohl tat.
Eine Widmung, die keine istWenn jetzt ein Dieter Falk daherkommt und meint, mit altem Material mal ordentlich einen losmachen zu müssen (er spricht selbst davon, mit den Liedern zu "spielen"), dann verfehlt das seinen Sinn. Das nervöse Rhythmus-Gehuddel - mal Folk, mal Rock, mal Jazz, stilistisch übrigens stark an Norah Jones und Bruce Hornsby erinnernd, - verhindert nämlich einen weiteren Urzweck der Gerhardt-Lieder: Hoffnung und Zuversicht, vermittelt durch gleichmäßig-ruhigen Takt. Und genau das ist es auch, was bis heute den unbeschreiblichen Zauber dieser so simpel wirkenden Melodien ausmacht. Interessant, wie unbeschadet sie aus Falks kleiner Spezialbehandlung hervorgehen. (Was juckt es die uralte Rieseneiche, wenn sich ein blondborstiger Frischling dran reibt...)
Ach, und eine Kleinigkeit: Paul Gerhardt hat nur die Texte gedichtet, die Melodien stammen von ganz unterschiedlichen Komponisten, darunter auch Johann Sebastian Bach. Dieter Falk scheint das nicht zu stören, er nennt sein Album dennoch "A Tribute to Paul Gerhardt". Gesungen wird bei ihm jedoch höchstens: Nana-nana-nana-na. (Da sind die Produktionen von Sarah Kaiser deutlich mutiger.) Dass 2007 der 400. Geburtstag von Paul Gerhardt ist, scheint Falk darum aber nicht zu stören, Hautsache stramm mitgeritten auf der anbrandenden Verkaufswelle. Weil der dreifache "Keyboarder des Jahres", der als "Erfolgreichster Produzent"; auch sechsmal für den ECHO nominiert wurde und über 50 Platin- und Goldene Schallplatten für über 20 Millionen verkaufte Tonträger kassierte, diese großartigen Texte aber zur Gänze unterschlägt, hier ein paar Auszüge:
Der Tag ist nun vergangen,
die güldnen Sternlein prangen
am blauen Himmelssaal;
also werd ich auch stehen,
wenn mich wird heißen gehen
mein Gott aus diesem Jammertal.
(Aus: Nun ruhen alle Wälder)
Abend und Morgen
sind seine Sorgen;
segnen und mehren,
Unglück verwehren
sind seine Werke und Taten allein.
Wenn wir uns legen,
so ist er zugegen;
wenn wir aufstehen,
so lässt er aufgehen
über uns seiner Barmherzigkeit Schein.
(Aus: Die güldne Sonne voll Freud und Wonne)
Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen;
und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!
(Aus: Ich steh an deiner Krippen hier)
Christoph Pollmann
Dieter Falk: A Tribute to Paul Gerhardt. CD. Random House Audio.
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