Dass im Bereich der Künste Bekanntheit und Qualität nur in Ausnahmefällen korrelieren, ist eine Binsenwahrheit. Bei keiner Künstlerin aus dem Bereich des Chansons jedoch steht die Prominenz in einem so eklatanten Missverhältnis zum Können wie bei Barbara Thalheim. Über die Gründe kann man nur spekulieren. Barbara Thalheim ist unter all jenen, die in Deutschland so tun, als stünden sie in der Tradition des Chansons, und sich daher höchst unfranzösisch Chansoniere nennen, fast die einzige wirkliche Diseuse. Aber sie hat nicht nur eine Stimme, sondern auch einen dazu gehörenden Kopf. In der DDR löckte sie wider den Stachel und wurde dafür abgemahnt. Nach der Wende, als viele von jenen, die es sich in der DDR gerichtet hatten, ihr Herz für die westliche Demokratie entdeckten und mit umgekehrtem Vorzeichen die Kaisergeburtstagssänger blieben, die sie seit je waren, stimmte sie nicht mit dem Gratismut dessen, der den toten Drachen bekämpft, in die geforderte DDR-Abrechnung ein, sondern sprach und sang von ihren gespaltenen Gefühlen.
Barbara Thalheim legte stets Wert auf literarische Texte. Die waren mal besser, mal weniger gelungen. Eins waren sie aber immer: genregerecht. Ein Chanson ist kein Gedicht. Für Barbara Thalheim war die Musik nie Beiwerk. In unterschiedlicher, meist unorthodoxer Besetzung ließ sie sich begleiten zu den Melodien, die Tonartenwechsel und rhythmische Verschiebungen nicht scheuen, die mehr sein wollen, als ein über Strophen hinweg wiederholbares Motiv. Seit längerem schon arbeitet sie mit dem wunderbaren Akkordeonisten Jean Pacalet zusammen, aber auf ihrer neuen CD, der ersten im Verlag "pläne", kommen noch eine ganze Menge anderer Musiker hinzu, die komplexe Arrangements ermöglichen.
Barbara Thalheim wäre nicht Barbara Thalheim, wenn sie nicht auch auf ihrer neuen CD gegen die Sprachregelungen verstieße. Während Alice Schwarzer der Welt ihr Entzücken über Angela Merkels Stil verkündet, wendet Barbara Thalheim den Blick auf die Inhalte. "Auch Xanthippe", weiß sie, "kann über Leichen gehen/ Feuer fangen und Feuer legen./ Und die Macht/ hat auch manche Frau schon/ um den Verstand gebracht." Und während die Emma-Begründerin, die sich einst auf Simone de Beauvoir berief, für die CDU-Kanzlerin schwärmt, besingt Barbara Thalheim den "alten Sozi" Willy Brandt. Prominenz und Qualität stimmt oft nicht überein.
Thomas Rothschild
Barbara Thalheim: Immer noch immer. pläne records, pläne 88941 (Vertrieb: Rough Trade). Erscheint am 26. Januar.
Homepage von Barbara ThalheimReinhören in "Immer noch immer"