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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 17:20

 

Enrico Rava Quintet: The Words And The Days

24.01.2007

Rothschild's CD-Tipp:

Italiens Miles Davis

Gerade im Vergleich mit den Moden der Popmusik in den letzten 30 Jahren bestärkt Ravas Jazz die Überzeugung, dass Qualität nicht den künstlichen Reiz des scheinbar Neuen braucht.

 

Unter den Trompetern, die das Erbe von Miles Davis für sich in Anspruch nehmen können, ist der Italiener Enrico Rava gewiss einer der würdigsten Kandidaten. Der Klang seiner Trompete ist glasklar, seine Improvisationen sind einfallsreich, aber niemals unnötig verschnörkelt. Die meisten Titel auf seiner jüngsten CD haben balladenhaften Charakter, einen nachdenklich lyrischen Gestus. Mit "Echoes Of Duke" und "Traps" führt Rava jedoch vor, dass er auch das Idiom des Funk beherrscht. Da lässt er seine Trompete vokalisch aufjaulen, "spricht" er mit der Stimme seines Instruments, als verfügte es über Wörter.

Miles Davis wusste sehr genau, dass auch der genialste Solist ein adäquates Ensemble benötigt, wenn das musikalische Ergebnis nicht absacken soll. Auch Enrico Rava hat eine vorzügliche Gruppe um sich geschart, die seine Vorgaben intelligent und uneitel aufnimmt. Es sind dies Gianluca Petrella an der Posaune, Andrea Pozza am Klavier, Rosario Bonaccorso am Kontrabass und Roberto Gatto am Schlagzeug. In "Bob The Cat" jagen Rava und Petrella einander in einem atemberaubenden Dialog, ehe Gatto mit einem langen Schlagzeugsolo einsetzt. Die meisten Stücke hat Rava selbst komponiert, je eines stammt von seinem Bassisten und seinem Drummer, je ein weiteres von Russell Freeman und - was einem Bekenntnis gleichkommt - von Don Cherry.

Enrico Rava gehörte zu den ersten Künstlern der ECM-Community. Es sind nun mehr als dreißig Jahre, seit er die erste LP bei ECM aufnahm (CDs gab es damals noch nicht). Seine jüngste Veröffentlichung macht deutlich, dass es im Jazz eine sinnvolle Kontinuität gibt, die nichts zu tun hat mit konservativem Beharren. Gerade im Vergleich mit den Moden der Popmusik in diesem Zeitraum bestärkt Ravas Jazz die Überzeugung, dass Qualität nicht den künstlichen Reiz des scheinbar Neuen braucht. Dieser Jazz ist komplex genug, um im vertrauten Rahmen originelle Nuancen zu entdecken und Akzente zu setzen. Schade nur, dass das Publikum für solche Musik überschaubar geblieben (oder gar erst geworden?) ist.

Thomas Rothschild


Enrico Rava Quintet: The Words And The Days. ECM Records, ECM 1982 (Vertrieb: Universal).
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