Bob Dylan wurde lange in erster Linie als Protestsänger, als das Genie des "Topical Song" wahrgenommen. Dabei wurde übersehen, dass er eine der ganz großen Figuren der Rockgeschichte ist. Keiner hat Anfang der sechziger Jahre die Vorbilder aus den Bereichen des Folkblues, des Country & Western, des Bluegrass und des frühen Rock'n'Roll so radikal verarbeitet und weitergeführt wie Dylan. Keiner hat den damals jungen Hörern die ungewohnte raue Ästhetik der schwarzen Musik so nachhaltig vermittelt wie er, kompromisslos gegenüber einer Oberflächenglätte, die schon sehr bald die Plattenproduktion bestimmte und heute den Pop beherrscht. Es kann kein Zufall sein, dass es immer noch Bob Dylan ist, der mit einer neuen CD alles in den Schatten stellt, was ansonsten auf den Markt kommt.
Was Bob Dylan geprägt hat, worauf er aufbauen konnte, seine ganz persönliche Jukebox, liegt jetzt auf einer CD vor. Das reicht von "Tutti Frutti" in der Version von Little Richard und dem "Milkcow Blues Boogie", den Elvis Presley bereits 1954 aufgenommen hat, über Bluesveteranen wie Lightnin' Hopkins, Blind Willie Johnson oder Leadbelly bis hin zu Country-Interpreten wie der Carter Family und Hank Williams und zu dem Sänger der amerikanischen Arbeiterbewegung Woody Guthrie. Manche Aufnahmen stammen noch aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Die Wurzeln von Bob Dylans Songs liegen weit vor der kommerziellen Entdeckung des Rock'n'Roll in den fünfziger Jahren. Gerade in dieser Zusammenstellung wird deutlich, was Bob Dylan imitiert hat und worin seine eigenen Leistungen liegen. Diese Aufnahmen haben die Schönheit eines ungeschliffenen Diamanten.
Die Songs auf dieser CD haben nichts zu tun mit dem direkten politischen Appell, für den der frühe Bob Dylan in der öffentlichen Wahrnehmung stand. Aber sie repräsentieren ein Amerika, das wenig gemeinsam hat mit dem Amerika des George W. Bush. Das muss man nämlich auch einmal festhalten: dass Bob Dylan mit jener Musik, die er liebt und am Leben erhält, immerhin ein Idol derer ist, denen die Apologeten des US-Systems, also des aggressiven Kapitalismus, Antiamerikanismus vorwerfen. Wie kann antiamerikanisch sein, wer Dylan und diese Musik als Teil seiner Biographie begreift? Zurückzuweisen freilich ist der Anspruch derer, die, wenn ihre Politik und ihre imperialistischen Attitüden kritisiert werden, eine Gegnerschaft gegen Amerika (gemeint ist immer: gegen die USA) behaupten. Das Amerika in Bob Dylans Jukebox wirft über dem Irak keine Bomben ab. Und besser klingen tut es allemal.
Thomas Rothschild
Bob Dylan's Jukebox. Chrome Dreams, CDCD5011 (Vertrieb: in-akustik).
Reinhören bei Amazon