Keine zwei Stücke des französischen Klarinettisten Louis Sclavis klingen gleich. Bald bedient er sich bei Strukturen der Barockmusik, bald lässt er sich von Folklore beeinflussen, bald nähert er sich dem Free Jazz. Die Vergangenheit der Sprachen, so der doppeldeutige Titel seiner jüngsten CD, ist zugleich das Imperfekte der Sprachen.
Die Spannung zwischen einer strengen "Grammatik" und freier Improvisation wird erhöht durch die Eigenständigkeit der Musiker, die Sclavis zur Seite stehen: Marc Baron am Altsaxophon, Paul Brousseau an Keyboards und Gitarre, Maxime Delpierre an der Gitarre und François Merville am Schlagzeug. Brousseau arbeitet auch mit Samplings und Elektronik, die, wie der bisweilen spröde Gitarrensound, der an Sonny Sharrock erinnert, mit der fast klassizistischen Klarinette, der Bassklarinette oder dem Sopransaxophon von Sclavis kontrastieren. Diese Musik lässt, weniger noch als frühere Aufnahmen von Louis Sclavis, keine Gemütlichkeit aufkommen. Irritationen sind eingeplant, manche Stücke brechen ab, noch ehe sie richtig begonnen haben.
"L'imparfait des langues" ist eine Auftragskomposition für das Festival von Monte Carlo. Ökonomie spielt auch im Jazz eine Rolle. Experimente bedürfen mehr und mehr einer finanziellen Unterstützung. Dass sie sich nicht kaufen lassen, liegt im Wesen des Jazz. Jazz auf Bestellung wäre ein Widerspruch in sich.
Thomas Rothschild
Louis Sclavis: L'imparfait des langues. ECM Records, ECM 1954 (Vertrieb: Universal).
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