Gianluigi Trovesi ist immer wieder für Überraschungen gut. Es gibt nur wenige Klarinettisten im gegenwärtigen Jazz, die Avantgarde und Tradition so bruchlos zu verbinden wissen wie der Italiener. Diesmal kommt er mit dem Pianisten Umberto Petrin und dem Perkussionisten Fulvio Maras daher und demonstriert seine Auffassung von Renaissance. Kompositionen von Josquin Desprez, Palestrina, Orlando di Lasso oder Monteverdi klingen in seinen Jazzfassungen so zeitgenössisch wie Musik nur klingen kann. Sie sind in seinen Bearbeitungen von einer betörenden Schönheit, schlicht, ohne überflüssiges Beiwerk, bis aufs Skelett freigelegt. In Umberto Petrin hat Trovesi einen Partner gefunden, der seine Auffassung in kongenialer Weise zu teilen scheint wie zuvor Gianni Coscia, der Akkordeonist, mit dem Trovesi ein längst legendäres Duo gebildet hat. Das hat wenig gemeinsam mit den einst so populären Bach-Adaptionen eines Jacques Loussier. Das "klingt" eher als dass es swingt, und doch haucht es den Atem eines intimen Jazz, der alte Musik aufnimmt, als wäre sie durch die Mangel des Impressionismus gegangen.
Die Jahrhunderte alten Vorlagen werden kommentiert und umrahmt von Eigenkompositionen der drei Musiker. Und mitten drin findet man "Amsterdam" von Jacques Brel, schlicht, transparent, als wäre es auch ein paar Jahrhunderte alt, sowie die weniger bekannten Komponisten Luca Marenzio, Alfredo Piatti und Luigi Tenco. Über sie erfährt man mehr von Steve Lake, der im Beiheft einen wie stets informativen und klugen Essay beisteuert - leider nur in englischer Sprache.
Thomas Rothschild
Gianluigi Trovesi/Umberto Petrin/Fulvio Maras: Vaghissimo ritratto. ECM Records, ECM 1983 (Vertrieb: Universal).
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