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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 17:29

 

Various: Weltberühmt in Österreich. 50 Jahre Austropop

10.05.2007

Rothschild's DVD-Tipp:

Nestroys Erben

Der ORF hat das Phänomen Austropop dokumentiert, und wer nicht mitgeschnitten hat, kann die ganze Serie nun auf sieben DVDs erwerben.

 

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Aus deutscher Sicht, jedenfalls von nördlich des Mains, sind die Österreicher nett, aber ein bisschen vertrottelt. Das hat mit der Sprache zu tun. Die österreichische, zumal die wienerische Färbung des Deutschen, die unverwechselbare Qualität der gedehnten Vokale, die Sprechmelodie, auch das Raunzen – das alles klingt für deutsche Ohren angenehm, aber ein bisschen lätschert, energielos, halt deppert.
Den freundlich-herablassenden Blick von außen beantworten die Österreicher (zumal die Wiener) mit übersteigerter Selbstbewunderung. So fesch wie sie kann kein Deutscher sein, und ihre Sprache ist sowieso unübertrefflich. Im Grunde beherrscht jeder Österreicher reines Burgtheaterdeutsch oder was er dafür hält. Das geschulte Ohr kann hingegen sehr genau (zumal in Wien) eine große Zahl von Soziolekten unterscheiden, und wer die Wiener Topographie kennt, wird schon nach zwei Worten keinen Ottakringer für einen Hietzinger halten, keinen Favoritner für einen Döblinger und keinen Gymnasiasten für einen Fleischhauerlehrling.

Dem ambivalenten Charme der österreichischen Sprache, zumal des Wienerischen, hat schon vor längerem zunächst das Kabarett, später der Schlager und die Rockmusik die Möglichkeit der lukrativen Verwertung abgewonnen. Es dauerte einige Jahre, aber dann fanden die österreichischen Barden auch in Deutschland ihre Anhänger, und heute dürfte kaum jemand auf Gegenliebe stoßen, der Liedermacher oder Rock’n’Roller von östlich Passaus oder Salzburgs für unverständlich erklärt. Selbst ein Josef Hader hat an der Nordsee seine Fans.
Es lag also auf der Hand, den Austropop einmal ausführlich zu dokumentieren. Der ORF hat das getan, und wer nicht mitgeschnitten hat, kann die ganze Serie nun auf sieben DVDs erwerben. Verantwortlich fürs Ganze ist Rudi Dolezal, zusammen mit seinem Partner Hannes Rossacher quasimonopolistisches Genie der kommerziellen visuellen Verbreitung von Popmusik. Kritische Distanz darf man von ihm nicht erwarten. Er ist die ideale Verkörperung jenes modernen Typus, der mit allem einverstanden ist, was sich zu Geld machen lässt, clever, angepasst und stets auf der Höhe der Zeit.
Der auf sieben Scheiben verteilte Überblick reicht von Helmut Qualtinger bis zu Christina Stürmer, von Wolfgang Ambros bis zu Dana Gillespie, von Arik Brauer bis zu DJ Ötzi, von Marianne Mendt bis zur Mozartband, von André Heller bis zu Peter Alexander, von Falco bis zu Udo Jürgens. Einen verbindlichen Qualitätsmaßstab gab es bei der Auswahl nicht. Österreichisch musste es sein und Pop im weitesten Sinne. Fast alle sind sie da beieinander, nur einer fehlt schmerzlich: Albert Golowin, das zweite Ich von Friedrich Gulda, das sehr früh und genial im Wiener Dialekt den Blues sang.

Die Titel der einzelnen Folgen zeigen die Richtung an. Die Stichwörter lauten „Wurzeln“, „Weibliche Popmusik“, „Rebellion“, „Internationale Erfolge“, „Kommerz und Anspruch“. Die Ambivalenz des Unternehmens signalisiert der Titel „Weltberühmt in Österreich“. Das will sich selbst auf den Arm nehmen, versteckt den Stolz hinter Bescheidenheit und stellt sich selbst ein Bein durch die Tatsache, dass die scheinbar witzige Formulierung uralt und daher nur noch bedingt witzig ist.
Auf dem Computer kann man die interaktiven Funktionen der DVDs nutzen. Insofern ist die Edition auch medientechnisch ein Experiment. Wer freilich einfach den Songs zuhören möchte, wird das alles allzu verspielt und vielleicht auch die Interviews nicht so schrecklich erhellend finden. Wer sehnt sich nach einem Satz wie diesem: „Ich glaube, Mann und Frau sind zwei völlig verschiedene Wesen“? Auch das Kapitel über die Arenabesetzung von 1976, die für die österreichische Nachkriegsgeschichte von ähnlicher Bedeutung war wie die Anti-Schah-Demonstration für Westdeutschland oder der Häuserkampf für die Schweiz, reduziert das Ereignis auf ein paar Schlagwörter. Mit Sekundeninterviews kann man eben nichts wirklich erklären oder auch nur darstellen. Die Hektik der Montage legt nahe, dass ein Hinschauen und Zuhören, das diesen Namen verdient, gar nicht erwünscht ist. Die Eitelkeit der Regie überlagert in ärgerlicher Weise die Information.
So mischt sicht bei diesem aufwendigen Unternehmen das Vergnügen über einzelne Auftritte, über die Wiederbegegnung mit Liedern und Gesichtern von gestern, in den Frust über die stets zu frühe Unterbrechung, die paradoxerweise gerade mit einem interaktiven Medium manipulativer wirkt als im ganz normalen Kino.

Unterm Strich: sind sie nun also ein bisschen vertrottelt, die Österreicher? Gewiss nicht. Der Austropop ist nicht bloß ein Konstrukt, und die Vielfalt der Ausdrucksformen, die er in dreißig oder vierzig Jahren entwickelt hat, ist beeindruckend. Vieles davon hört sich heute noch gut an. Wenn die Macher und die Szenebeobachter darüber reden, häufen sich die Klischees. Aber das ist in Deutschland nicht anders. Manchmal gibt es sogar Ansätze zu einer ernsthaften Analyse. Vorherrschend aber – und das scheint nun wirklich österreichisch zu sein – ist ein scherzhafter Ton, eher humorig als selbstironisch. Der intellektuelle Gestus ist den Österreichern suspekt. Irgendwie schwingt fast immer ein bisschen Prater mit. Nicht weit davon entfernt hatte Johann Nepomuk Nestroy sein Theater. Vielleicht ist er ja der eigentliche Ahne des Austropop. An der Sprache allein kann’s nicht liegen.

Thomas Rothschild


Various: Weltberühmt in Österreich. 50 Jahre Austropop. DoRo (Vertrieb: Hoanzl).
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