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Katharina Götsch: Linke Liedermacher

24.05.2007

Biermann und Degenhardt

Mit der Entpolitisierung der Künste, mit der konservativen Wende wurde dem politischen Lied zunehmend die mediale Öffentlichkeit entzogen. Es lohnt also durchaus, aus der Distanz von drei bis vier Jahrzehnten einen Rückblick zu wagen und neu einzuschätzen, was das politische Lied bedeutet, was es bewegt hat, worin seine Stärken und seine Schwächen lagen.

 

Kein Zweifel: die heroische Zeit des politischen Lieds in Deutschland ist längst vorbei. Es war eng verbunden mit jenem Aufbruch, den die Jahreszahl 1968 markiert. Mit der Entpolitisierung der Künste, mit der konservativen Wende wurde dem politischen Lied zunehmend die mediale Öffentlichkeit entzogen. Es lohnt also durchaus, aus der Distanz von drei bis vier Jahrzehnten einen Rückblick zu wagen und neu einzuschätzen, was das politische Lied bedeutet, was es bewegt hat, worin seine Stärken und seine Schwächen lagen.
Der Titel des vorliegenden Buchs freilich führt in die Irre. Es kennt nur Wolf Biermann und Franz Josef Degenhardt. Weder Walter Moßmann, noch Dieter Süverkrüp, weder Hannes Wader, noch der Floh de Cologne, weder Konstantin Wecker, noch Pannach und Kunert sind der Autorin mehr als allenfalls eine beiläufige Erwähnung wert. Nun nehmen Degenhardt und Biermann zwar eine prominente Stellung in der Liedermacherszene der sechziger und siebziger Jahre ein, aber ein Zweimannbetrieb war sie keinesfalls. Und die Positionen zur Ästhetik, zur Funktion und zum politischen Stellenwert des gesellschaftskritischen Lieds waren durchaus in einem Maße differenziert, das eine paradigmatische Abhandlung an zwei Protagonisten fragwürdig erscheinen lässt. So können etwa die Überlegungen, die Moßmann zu seinen „Flugblattliedern“ veranlassten, an den Beispielen Degenhardt und Biermann nicht diskutiert werden. Für das politische Lied der siebziger Jahre aber waren sie von zentraler Bedeutung.

Katharina Götsch skizziert zunächst, von einer Definition des Begriffs „Liedermacher“ ausgehend, die Vorgeschichte des neueren politischen Liedes, den Bänkelsang, das Chanson, das Arbeiterlied, den Protestsong, sowie in äußerster Knappheit die deutsche Nachkriegsgeschichte. Sie beschreibt die Politisierung der Lyrik in den sechziger Jahren und die kurze Geschichte der legendären Treffen auf der Burg Waldeck. Ein paar Ungenauigkeiten muss man in Kauf nehmen, insgesamt aber hat die Autorin gut recherchiert und das komplexe Material zuverlässig zusammengefasst. Bedauerlich, dass sie, in einem immerhin in Österreich veröffentlichten Buch, die Österreicher entweder ignoriert oder, wie etwa die Schmetterlinge, einfach der (west)deutschen Szene zuschlägt.

Die Analyse einzelner Texte von Degenhardt und Biermann illustriert exemplarisch die Besonderheiten dieser beiden Liedermacher. Mit Wertungen hält sich Katharina Götsch zurück, um dann ein verbreitetes Klischee zu bedienen, wenn sie Degenhardts politische Radikalisierung mit seinem angeblichen ästhetischen Tiefpunkt (relativiert immerhin durch ein „wie mir scheint“) zusammenfallen lässt. Mit welchem Maß misst sie da? Was sind die Prämissen dieses Urteils?

Zuletzt vergleicht Götsch Degenhardt und Biermann in Hinblick auf das Verhältnis von Text und Musik, auf ihre ästhetischen und ihre politischen Positionen. Was die musikalischen Einflüsse angeht, so war für Degenhardt Georges Brassens wohl wichtiger als Bob Dylan und Joan Baez. Das relativiert auch Reginald Rudorfs bösartige Behauptung von „Latsch-latsch-die-Heide-blüht-Klischees“. Die jüngsten politischen Äußerungen Biermanns, die Degenhardts Urteil über ihn im Nachhinein in mancher Beziehung zu unterstützen scheinen, sind in dem Buch ebenso ausgespart wird die neueren Ausgaben von Texten der beiden Liedermacher.

Nicht unterschlagen wollen wir eine Anmerkung unter dem Impressum: „Auf geschlechtsneutrale Formulierungen wird aus Gründen der Lesbarkeit und der Sprachästhetik verzichtet.“ Das bedeutet: nicht geschlechtsneutrale Formulierungen verstoßen gegen Lesbarkeit und Sprachästhetik. Das sage nicht ich, das sagt die Autorin oder ihr Verlag…

Thomas Rothschild


Katharina Götsch: Linke Liedermacher. Das politische Lied der sechziger und siebziger Jahre in Deutschland.
Limbus, 2007.
Kartoniert. 155 S. ¤ 15,70.
13978-3-902534-04-0.

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