Mussten wir noch vor wenigen Jahren beklagen, dass die osteuropäische Folklore hierzulande praktisch unbekannt sei, so hat sich die Lage mittlerweile radikal verbessert. Im Rundfunk, der sich zur PR-Agentur der großen Schallplattenkonzerne hat machen lassen, besitzt die Musik unserer östlichen Nachbarn zwar nach wie vor Seltenheitswert, aber auf CDs, vornehmlich kleiner Labels, ist sie gut dokumentiert, Maßstäbe wurden etabliert, und wer will, kann sich einen Überblick verschaffen und Qualität beurteilen.
Konsonans Retro ist ein erweitertes Familienunternehmen aus Podolien, unweit der Grenze zu Moldawien. Die Brüder Baranovsky spielen mit zwei Voronyuks, dem Klarinettisten Christian Dawid und dem Schlagzeuger Guy Schalom. Ihre Instrumente sind Trompete, Posaune, Tuba, Akkordeon und Baraban – das ist das schön lautmalerische russische Wort für Trommel –, und sie singen wunderschön. Ihr Repertoire speist sich vorwiegend aus der jüdischen Folklore der Umgebung, einer Musik, die über die Jahrhunderte hinweg Einflüsse der russischen, ukrainischen und rumänischen Musik aufgenommen und bewahrt hat. Gespielt wird sie zu Familienfesten, und ihre Eigenart ist die Amalgamierung von fröhlichen Tanzrhythmen mit einem melancholischen Grundton. Sie hat die Tendenz zum offenen Ende, will immer weiter erklingen, und wer einen CD-Player hat, der nach dem letzten Stück wieder beim Anfang einsetzt, wird es nicht bereuen.
Thomas Rothschild
Konsonans Retro: A Podolian Affair. Oriente, RIEN CD 62 (Vertrieb: Fenn Music Service).
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