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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 17:32

 

Charles Mingus Sextet w/ Eric Dolphy: Cornell 1964

19.07.2007

Rothschild's CD-Tipp:

Der Kontrabass

Noch heute wirken Mingus’ Improvisationen moderner als fast alles, was andere dem unhandlichen Instrument zu entlocken vermögen.

 

Der gezupfte Kontrabass ist von Anfang an Bestandteil der Jazzgeschichte. Er gehörte zur Rhythmusgruppe und hielt sich bescheiden im Hintergrund. Ohne elektrische Verstärkung war er ja auch eher zu erahnen als zu hören. Es war Charles Mingus, der dem Kontrabass wie kein Zweiter den Status eines Soloinstruments verlieh. Die Bedeutung von Mingus für den Jazz kann gar nicht überschätzt werden, und noch heute wirken seine Improvisationen moderner als fast alles, was andere dem unhandlichen Instrument zu entlocken vermögen.

Was das 1964 an der Cornell University live eingespielte Konzert, das jetzt erstmals auf einer Doppel-CD vorliegt, musikalisch zu bieten hat, ist so grandios, dass man bereit ist, über die technischen Mängel der Aufnahme hinwegzusehen. Ein Musiker wie Charles Mingus konnte sich freilich auch aussuchen, mit wem er spielte, und so gehört das Sextett, das hier beisammen ist, insgesamt zur Sonderklasse. Die Trompete spielt Johnny Coles, Altsaxophon, Flöte und Bassklarinette der kurz danach verstorbene geniale Eric Dolphy, das Tenorsaxophon Clifford Jordan, am Klavier sitzt der sämtliche Stilrichtungen beherrschende Jaki Byard und am Schlagzeug Dannie Richmond.

Die Musiker unterwarfen sich keinen Begrenzungen. Bis zu einer halben Stunde sind die Titel lang. Tempi, Rhythmen und Tonarten variieren innerhalb einzelner Stücke, da werden Standards zitiert und verwandelt, da gehen die Musiker auf einander ein oder wagen sich einsam in weite Ferne, um dann wieder zurückzukehren zum Thema, von dem sie ausgegangen sind. Was allein in dem Mingus-Stück „Fables Of Faubus“ an Ideen entwickelt wird, würde bei anderen Jazzern für eine Woche Musizierens ausreichen. Andere Kompositionen des Konzerts stammen - außer eben von Charles Mingus - von Fats Waller, Duke Ellington und Jaki Byard. Auch Billy Strayhorns unvermeidlicher Klassiker „Take The ‚A’ Train“ darf nicht fehlen. Mit dem Swing freilich oder gar mit Old Time Jazz hat diese Musik von 1964 nicht mehr viel zu tun. Das ist, nicht zuletzt, das Verdienst von Charles Mingus.

Thomas Rothschild

Charles Mingus Sextet with Eric Dolphy: Cornell 1964. Blue Note, 0946 3 92210 2 8 (Vertrieb: EMI).
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