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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 17:36

 

Kiss Me, Kate

20.02.2004

 



Küss mich, Kätchen




 

Es fällt schwer, das Musical gegenüber seinen Verächtern zu verteidigen, wo der unsägliche Kitsch eines Andrew Lloyd Webber über Jahrzehnte hinweg Millionen einspielt und als hervorragendes Exempel dieser Gattung gilt. Wahrscheinlich war Leonard Bernsteins Westside Story eins der letzten hörens- und sehenswerten Musicals. Seine große Zeit hatte diese Form des Musiktheaters in den dreißiger und vierziger Jahren. Und es lohnt sich, sich mit den Produkten jener Jahre vertraut zu machen, wenn man sich wirklich ein Urteil über das Musical bilden will.

Zu den genialen Würfen gehört Kiss Me, Kate. Der Komödienstoff ist von Shakespeare und heißt bei ihm Der Widerspenstigen Zähmung. Und die Musik ist von Cole Porter, der, anders als Lloyd Webber, komponieren konnte. Allein Kiss Me, Kate strotzt von Ohrwürmern, von denen jeder seinen eigenen Charakter hat und nicht, wie die Schlager von Lloyd Webber, immer nur die gleichen Harmonien umrankt. Cole Porter kann humorvoll sein und sentimental, lebhaft und romantisch, er macht sich die verschiedensten Tanzrhythmen zunutze und liefert Sängerinnen und Sängern Partien, die sich an jenen von Puccini messen lassen. In Kiss Me, Kate enthalten ist der jazzige Song Too Darn Hot, der bis heute nichts von seinem Reiz verloren hat, aber auch der Walzer Wunderbar, der längst zu einem Evergreen wurde. Cole Porter hat auch die Liedtexte für das Musical geschrieben, dessen Idee und Libretto von Sam und Bella Spewack stammen. Und die Liedtexte vieler Musicals der dreißiger und vierziger Jahre verhalten sich zu den Texten heutiger Musicals wie die deutschen Schlager der Weimarer Republik zu jenen der fünfziger Jahre. Sie sind witzig und von kabarettistisch-sprachspielerischem Format, der Farce des 19. Jahrhunderts verwandter als dem ernsten Musiktheater.

In dem Duett, das in der deutschen Übersetzung dazu auffordert, bei Shakespeare nachzuschlagen, heißt es: "If her virtue, at first, she defends - well/ Just remind her that 'All's Well That Ends Well'". Da reimt "Othella" auf "helluva fella" und "flatter 'er" auf "Cleopaterer". Hier fand der unvergessene Tom Lehrer seine Anregungen, und noch Georg Kreisler hat im amerikanischen Exil von solchen Texten gelernt.

Das Musical ist die einzige eigenständige Theaterform, die die USA hervorgebracht haben, und es ist die einzige Theaterform, deren Realisierung sie zu einer konkurrenzlosen Perfektion entwickelt haben. Diese Perfektion hat etwas Seelenloses. Aber sie gehört zum Musical wie die Improvisation zum Jazz. Ohne sie wird es zur Qual. Deshalb kommen die besten Musicalaufnahmen auf Schallplatten vom Broadway. Zwar mangelt ihnen die Dimension des Tanzes, der im Musical mit Gesang und Dialog eine Einheit bildet, aber was zu hören ist, bewahrt immerhin die akustische Dimension einer vollkommenen Inszenierung. Und nur in Amerika beherrscht man den typischen Gesangsstil des klassischen Musicals, der sich von dem der Operette ebenso markant unterscheidet wie dieser vom Operngesang. 1999 wurde Kiss Me, Kate, das mehr als fünfzig Jahre zuvor, 1948, seine Uraufführung erlebte hatte, am Broadway neu einstudiert, und die Musiktitel dieser Inszenierung gibt es auf CD. Was sind, daran gemessen, Cats oder Evita?

Thomas Rothschild
Kiss Me, Kate. Koch/DRG 12988

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