World Music
20.02.2004
Aquarella, Farmes Market, Jerewan, Savina Yannatou & Primavera en Salonico
Auf der CD-Hülle steht hinten "A cappella" und "File under: 'World Music'". Offenbar trauen die Plattenproduzenten den Händlern nicht mehr zu, dass sie wissen, was sie zum Verkauf anbieten. Gibt es ihn noch, den musikbesessenen Liebhaber, der sich die Neuerscheinungen anhört, sich und andere zu begeistern vermag und dem Kunden etwas empfiehlt, was aus dem Einerlei des Radioalltags herausfällt?
Aquabella - das sind fünf Frauen: Claudia Karduck, Bettina Wildtraut, Bettina Stäbert, Gisela Knorr und Ulrike Siems. Sie bauen auf ihre schönen Stimmen. Sie singen (fast) ohne Instrumentalbegleitung, a cappella eben, wie die CD-Hülle verspricht. Wie einst die Weavers um Pete Seeger, so suchen sie sich ihr Material überall auf der Welt zusammen, um es dann ihrem eigenen Stil einzugemeinden. Der a capella-Gesang lebt von seinen Arrangements. Die stammen hier größtenteils von den Mitgliedern des Quintetts und sind vorzüglich, der Close Harmony-Tradition verpflichtet, stellenweise mit einem andeutungsweise jazzigen Einschlag und erinnernd an die Frauenchöre aus Bulgarien, die man spät auch im Westen entdeckt und dann zu Recht gefeiert hat.
Auf ihrer zweiten CD singt Aquabella traditionelle Folklore aus Irland, Georgien, Armenien, Afrika, von den sephardischen Juden, sowie, unter anderem, Lieder von Victor Jara, Atahualpa Yupanqui und Miriam Makeba. Drei Lieder haben Mitglieder der Gruppe selbst getextet und komponiert, zu einem rumänischen Text hat Gisela Knorr eine Melodie im Geist der rumänischen Volksmusik erfunden.
Natürlich singt Aquabella - auch darin dem Vorbild der Weavers folgend - alle Lieder in der Originalsprache. Im Begleitheft sind die Texte mitsamt Übersetzungen abgedruckt, was sinnvoll ist, weil diese Lieder Geschichten erzählen. Es sind Frauengeschichten, leidvolle und komische. Aber auch ohne Textverständnis faszinieren die eingängigen Melodien, die unterschiedlichen Rhythmen und die schönen, ausdrucksvollen Stimmen der fünf Damen, die sich da musikalisch auf Weltreise begeben und uns mitnehmen.
"World Music" ist ja keine besonders triftige Kategorie. Noch kennen wir keine außerirdische Musik. Musik ist stets aus dieser Welt. Aber nun hat sich dieses Etikett einmal eingebürgert für Musik, die man nirgends einordnen kann (weshalb auf der CD-Hülle steht, wo man sie im Plattenladen einordnen soll). Bleiben wir also dabei. World Music bietet auch eine CD bei Winter & Winter. Da gibt es nun tatsächlich einen bulgarischen Frauenchor, genauer: ein Vokalquartett. Es trifft auf eine norwegische Gruppe namens Farmers Market, bei der wiederum ein bulgarischer Saxophonist und Klarinettist mitspielt. Dazu kommen weitere Instrumentalisten aus Bulgarien und einer aus Indien als Gäste. Sie alle spielen mit einander traditionelle Tänze vom Balkan und eigene Kompositionen, die dieser Tradition nachempfunden sind. Charakteristisch dafür sind die ungeraden Taktarten und die rondoartigen Strukturen, die reigenartigen Tanzformen die musikalische Grundlage liefern.
In diesen Umkreis begibt sich auch eine deutsche Gruppe, die sich programmatisch "Jerewan" und ihre CD wortspielerisch Balkanblues & Kaukabilly nennt. Sie sei an dieser Stelle erwähnt, ehe sie völlig übersehen wird.
Entgegen dem weit verbreiteten Gerücht, wonach ECM ein schmales stilistisches Spektrum habe, ist das Label immer wieder für Überraschungen gut. Solch eine Überraschung ist die griechische Sängerin Savina Yannatou und ihr Ensemble Primavera en Salonico. Es gibt ja hartnäckige Klischees, die einen rationalen Ursprung haben, sich dann aber verfestigt haben und die wahren Verhältnisse verzerren. So denkt man bei griechischen Sängerinnen sofort an Theodorakis, an Bouzouki und Rembetika. Auf der anderen Seite stellt man sich als Interpreten internationaler Folklore am ehesten Amerikaner oder Engländer vor.
Savina Yannatou hat nun ein ganz internationales Repertoire - ihre CD heißt denn auch programmatisch Terra Nostra, "Unsere Erde" - und ihre Stimme erinnert, etwa in dem wunderschönen Fairy's Love Song von den Hebriden, eher an irische Vorbilder als, sagen wir, an die große Maria Farantouri. Bemerkenswert sind auch die Zusammensetzung des Begleitorchesters und seine Arrangements. Da nämlich treffen europäisch-folkloristische Traditionen und Moderne aufeinander. Und die Einladung an die tunesische Sängerin Lamia Bedioui sowie die Dominanz des charakteristischen trockenen Oud-Klangs fügen ein arabisches Element hinzu.
Savina Yannatou singt mit starker Ausdruckskraft und einer spielerischen Freude, die in mehreren Titeln zum Tanz aufzufordern scheint. Damit kontrastieren die elegischen Titel, die den Bogen der Melodien voll auskosten. Savina Yannatou passt bei den einzelnen Liedern das Timbre ihrer Stimme den unterschiedlichen sängerischen Traditionen an, ohne ihre Eigenart zugunsten purer Imitation aufzugeben.
Thomas Rothschild
Aquabella: Nani Dschann. JARO 4242-2 Farmers Market. Winter & Winter 910 056-2 Jerewan: Balkanblues & Kaukabilly. Löwenzahn /HeiDeck HD20002 Savina Yannatou & Primavera en Salonico: Terra Nostra. ECM 1856
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