Fusion, in Musik wie in der Gastronomie schon wieder ein wenig aus der Mode gekommen, ließ seinerzeit an eine Symbiose aus Rock, Jazz und Klassik denken. Ensembles unterschiedlicher Herkunft trafen sich mehr oder weniger glücklich beim gemeinsamen Musizieren, man entdeckte die schwarzen Wurzeln in der Musik, nicht nur bei Gershwin, sondern auch bei Ravel, Strawinsky oder Antheil. Die Fusion von europäischen Folkloren und so genannter „Klassik“ aber kam erstaunlicherweise nicht ins Visier, obwohl ein großer Teil der europäischen Komponisten von Mozart bis Bartók, von Rossini bis Grieg, Mussorgskij und Benjamin Britten von Volksmusik sich inspirieren ließen. Es gibt sogar Musiktheoretiker, die Komposition ohne folkloristische Einflüsse für unmöglich halten.
Es scheint, als hätte sich die gesellschaftliche Ächtung der Roma und Sinti, die man früher Zigeuner nannte, bis in unsere Gegenwart fortgesetzt, wenn man sie zwar als Entertainer im ungarischen Restaurant gerne duldet, ihre Bedeutung aber für die klassische Musik unterschlägt. Die oft geschmähte Provinz holt da nach, was die Metropolen versäumt haben. Innerhalb des Franz Liszt Festivals in Raiding gab es ein ungewöhnliches Konzert unter dem Motto „Franz Liszt und die Musik der Zigeuner“. Raiding liegt im mittleren Burgenland im äußersten Osten Österreichs, nahe der ungarischen Grenze. Hier, wo der beste Rotwein wächst, wurde Franz Liszt geboren, und gleich neben seinem Geburtshaus hat die Gemeinde einen Konzertsaal errichtet, der mancher größeren Stadt zur Ehre gereichte.
Im ersten Teil der Konzerts machte eine Romakapelle, deren Mitglieder im Programmheft – warum bloß? – nicht namentlich genannt werden, im Wechsel mit dem Pianisten Feri Janoska die unmittelbaren Einflüsse der Zigeunermusik auf Franz Liszt hörbar. Im zweiten Teil spielten dann Ensembles in unterschiedlicher Zusammensetzung eklektische, zitatenreiche Kompositionen von Ferry Janoska (der, Vorsicht, nicht mit Feri identisch ist), in denen nicht nur folkloristische Motive, sondern auch Elemente des Jazz mit einer gemäßigt modernen „Klassik“ eine Ehe eingehen. Ferry Janoska, der den Abend konzipiert hatte, durfte viel Beifall entgegennehmen. Den größten Jubel freilich erntete die Romabanda, die zwar gelegentlich, vor allem im Zusammenspiel mit der Familie Janoska (etwa mit Variationen über Paganinis berühmtes Thema, das Capriccio Nr. 24) ein wenig akademisch wirkte, dann aber zu sich fand, als sie sich ungehemmt der virtuosen Temposteigerung hingab.
Das Franz Liszt Festival findet an acht Abenden im Oktober statt. Die Veranstalter hoffen, nach dem Vorbild der Schubertiade in Hohenems, auf eine Erweiterung. Zusammen mit den Haydn Festspielen in Eisenstadt, die auf hohem Niveau ihrem Namensgeber, aber darüber hinaus in einer Konzertreihe des formidablen Haydn Trios im kommenden Jahr etwa den Romantikern Schubert, Brahms, Schumann, Mendelssohn-Bartholdy und Dvorak huldigen, zusammen auch mit anderen Attraktionen wie Gidon Kremers bereits etabliertem Unternehmen in Lockenhaus, trägt es dazu bei, dass sich das noch vor wenigen Jahrzehnten als Armenhaus Österreichs geltende Burgenland zum Kulturzentrum mausert.
Thomas Rothschild
Homepage des Franz Liszt Festivals