Als Festivals noch Festspiele hießen, gab es Salzburg und Bayreuth, vielleicht noch Edinburgh und Glyndebourn, Filmfreunde fieberten drei Mal im Jahr nach den Siegern von Berlin, Cannes und Venedig, die Berliner Jazztage und Montreux galten den Jazzliebhabern als Ort der Verheißung, die Free Jazz-Gemeinde traf sich in Moers, die Klientel für zeitgenössische E-Musik pilgerte nach Donaueschingen, Theaternarren sehnten sich gar nach Avignon. Festspiele waren das Ausnahmeereignis, die Symbiose von Qualität und Quantität, wie sie anderswo nicht anzutreffen war. Neid begleitete die Besucher von Festspielen. Sie genossen ein Privileg, das den meisten vorenthalten blieb, wegen des Mangels an Freizeit, an Mobilität und vor allem: an Geld.
Das hat sich geändert. Heute hat jede mittelgroße Stadt und sogar manches Dorf ein eigenes Festival. Kein Wochenende vergeht, an dem nicht irgendwo ein paar Filme, ein paar Rockgruppen als Festival figurieren. Das soll zur kulturellen Versorgung der ansässigen Bevölkerung beitragen. Damit freilich wollen sich die Veranstalter nicht begnügen. Ihnen geht es um überregionale Aufmerksamkeit. Sie, nur sie rechtfertigt die Ballung von Kultur, welcher Art auch immer, im Verlauf von wenigen Tagen. Für die Menschen am Ort wäre die Verteilung übers Jahr in jedem Fall bekömmlicher. Aber eben nur für die Menschen am Ort. Und da liegt der Hund begraben. Die Veranstalter von Festivals benötigen die Resonanz von außen. Sie dient ihnen als Rechtfertigung für ihre Subventionsforderungen und Spendenappelle, sie verleiht ihrem Unternehmen Bedeutung und Gewicht.
Die Kommunen wiederum, die Festivals unterstützen, erhoffen sich von der überregionalen Berichterstattung einen Reputationsgewinn. Wer spräche schon von Bayreuth, wenn dort nicht Jahr für Jahr Wagner zelebriert würde? Wer wüsste, wo Mörbisch liegt, wenn es sich nicht einmal im Jahr mit Operetten schmückte? Als die Österreichischen Filmtage noch im oberösterreichischen Wels stattfanden, forderte der Bürgermeister die angereisten Journalisten unverblümt auf, die Stadt explizit zu erwähnen, damit sie, kulturell aufgepäppelt, nicht nur als Messestadt gelte.
Nur kein Widerstand
In dem Maße, indem sich die öffentliche Hand aus der Kulturförderung zurückzieht und private Sponsoren für Festivals unverzichtbar werden, bestehen diese darauf, dass ihre Namen genannt, ihre Signets gezeigt, ihre Zuwendungen gepriesen werden. Bei den großen Konzernen gibt es längst hochqualifizierte Fachleute, die genau wissen, mit welchen Festivals sie ihr Image verbessern können, welche Assoziationen ihre Produkte abrufen sollen und welche lieber nicht. Gelegentlich wird von ihnen ganz offen ausgesprochen, was weniger kaltblütige Spender gerne vertuschen: dass ihnen Inhalte und Formen keineswegs gleichgültig sind, dass sie sehr genau abwägen, wo investiert wird und wo nicht. Dass es seitens der Sponsoren keine Einflussnahme gäbe, ist ein Ammenmärchen. Freilich müssen sie ihre Bedingungen oft gar nicht nennen. Die Festivalmacher kommen ihnen in vorauseilendem Gehorsam entgegen und ziehen gar nicht erst in Betracht, was bei den Geldgebern auf Widerstand stoßen könnte.
Die Interessen der Veranstalter und ihrer Finanziers sind also geklärt. Welche Rolle aber spielen jene, die sie für die Durchsetzung dieser Interessen benötigen, die Medien nämlich? Da wird die Sache kompliziert. Journalisten, die gerne zu Festivals reisen, müssen deren Bedeutung mit viel Energie propagieren. Ihr Interesse ist es, Platz im Feuilleton, Sendezeiten im Radio, ein paar Minuten im Fernsehen zu ergattern. Denn wenn sie nicht berichten, werden sie kein zweites Mal eingeladen. Für die Akkreditierung, für die Zulassung zu Empfängen und Gesprächen mit Stars, möglicherweise sogar für bezahlte Unterkunft und Anreise müssen sie eine Gegenleistung vorweisen. Die Hochstapler, die es in diesem Gewerbe auch, und nicht selten, gibt, fliegen meist früher oder später auf. Sie sind schlechter vor Entdeckung geschützt als die strohdummen Universitätsprofessoren, die sich ihre Stellung mit allem Möglichen, nur nicht mit Wissen, Originalität des Denkens und Einsatz für Studenten erworben haben.
Es liegt aber meist nicht am fehlenden Willen, wenn Journalisten nicht oder nach Ansicht der Veranstalter zu wenig berichten. Es liegt vielmehr an den verantwortlichen Redakteuren daheim in den Redaktionen. Die haben nämlich eine andere Sicht auf die Lage. Ihnen geht es, jedenfalls in diesem Zusammenhang, nicht um Akkreditierung und Privilegien, sondern um die Leser oder, weniger idealistisch formuliert, um den Erfolg ihres Produkts. Und da kommt es zu einem Konflikt, der auf beiden Seiten Gründe hat. Ein Redakteur muss sich die Frage stellen, ob und in welchem Maße die Leser (oder die Zuhörer, oder die Zuschauer) an kulturellen Ereignissen interessiert sind, die sie selbst nicht erleben können. Die Filme von Filmfestivals kommen zum größten Teil nicht in die Kinos; der Jazz von Jazzfestivals lässt sich anderswo allenfalls als CD reproduzieren, was kein Ersatz sein kann für das Erlebnis im Konzert; die Bühneninszenierungen, die in Avignon gezeigt werden, bleiben für den deutschen Zeitungsleser ein Phantom.
Was tun? Dem braven Mitarbeiter die Akkreditierung vermasseln? Oder den Leser langweilen? Was bei solchen Überlegungen herauskommt, ist in der Regel ein Kompromiss. Es wird über Festivals berichtet – mehr, als es den Redakteuren geheuer ist, aber weit weniger, als es sich die Journalisten wünschen, wenn sie um die nächste Einladung bangen. Der Kompromiss ist auch Ausdruck einer gewissen Unsicherheit. Denn was die Leser, dieses ungreifbare Kollektiv, wirklich wollen, ist trotz Umfragen und Statistiken kaum zu erfahren und gewiss nicht auf einen Nenner zu bringen. Interessiert den Stuttgarter, der nie über Bietigheim hinauskommt, eine Hamburger Opernpremiere? Man sieht: auch Festivals sind Teil eines größeren Problems. Aber wen interessiert das schon?
Austauschbare Berichte
Im Übrigen hat sich die Berichterstattung von Festivals längst zu einem Genre verselbständigt. Würde man einen Bericht gegen einen anderen, von einem anderen Festival, austauschen - es wäre wohl, außer am Städtenamen, nicht zu bemerken. Die nie ausgesprochene Wahrheit ist, dass zwar die meisten Journalisten Wert darauf legen, bei einem Großereignis eingeladen zu werden und anwesend zu sein, der jährliche Besuch aber zur Routine erstarrt. Der Überdruss angesichts von sieben Filmen im Tag, acht Stunden Musik ohne Pause, sechs Stunden Lesungen, unterbrochen nur von einem kalten Büffet, die Verdrießlichkeit angesichts von Warteschlangen, die Kränkung darüber, zu bestimmten elitären Empfängen keinen Zugang zu haben, dazu die schlechte Laune, weil man beim Hotelfrühstück von jemandem, den man nicht leiden kann, vollgequatscht wurde, die Müdigkeit, weil man erst um halb fünf in der Früh ins Bett kam, all dies verdirbt die Freude über das aufregende Einzelereignis. Der Festivalreporter ist notwendigerweise ungerecht den einzelnen Darbietungen gegenüber. Weil die Aufmerksamkeit immer wieder mal nachließ, weil er keine Gelegenheit hatte, sich zu einem völlig neuartigen Theaterstück, einem unbekannten Musiker, einem tadschikischen Film zusätzliche Informationen einzuholen, flüchtet er sich in nichtssagende Allgemeinheiten.
Zu den dämlichsten Klischees der Festivalberichterstattung gehört die Behauptung von Trends. Sie kommt der gängigen – nicht nur journalistischen – Praxis entgegen, eine komplexe Realität auf den einfachen Begriff zu bringen, den "Zeitgeist" zu bannen und Prognosen in die Welt hinauszuschmettern, deren Nicht-Eintreffen später kaum jemand einklagt. Auf die Vergesslichkeit ist im Trubel der sich jagenden Tagesereignisse Verlass. Der Trend, den ein (Film-, Theater-, Jazz-)Festival zu dokumentieren scheint, ist, wenn er denn überhaupt ohne Vergewaltigung des Gesamtangebots festzustellen wäre, der Trend, den die einladenden Veranstalter, ein Auswahlkomitee, die Einflüsse der Sponsoren, die populäre Stars in großen Sälen, in denen das Fernsehen mitschneidet, bevorzugen, und die PR-Bosse der großen Film- oder Plattenfirmen gesetzt haben. Der wird, wenn wir den Jazz als Beispiel nehmen, in Den Haag ein anderer sein als in Moers, in Montreux ein anderer als in Saalfelden.
Keins dieser auf ihre Art profilierteren Festivals kann also zuverlässig Auskunft geben über eine allgemeine Entwicklung. Aber auch der Wanderzirkus der gängigen Stars erlaubt keine Aussage über künstlerische Tendenzen, sondern allenfalls über Verkaufszahlen. So reproduzieren die Trends sich selbst. Indem Journalisten sie festzustellen behaupten, bestärken oder erzeugen sie sie zugleich – auf Kosten der Vielfalt, des Radikalen, des Exzentrischen. Der Journalist, der – auch auf Festivals – aus ist auf Entdeckungen, der lieber zum Randgeschehen geht als zum glamourösen Zentralereignis mit anschließendem Empfang, der dem kleinsten gemeinsamen Nenner entgegenarbeitet zugunsten des Schwierigen, Anspruchsvollen, Neuen, das der publizistischen Förderung bedürfte, ist leider zur Ausnahme geworden im großen Heer seiner Kollegen, die sich längst eher als Gesellschaftsreporter denn als Kritiker verstehen. Und gute Kritiker, um dieses häufige Missverständnis abschließend zu beseitigen, empfinden keineswegs Lust am Verriss. Sie wollen vielmehr Öffentlichkeit herstellen für Filme, Musik, Literatur, Theaterstücke, die ohne ihre Hilfe kaum bemerkt verschwänden. Wenn sie negativ kritisieren, so tun sie das, um Maßstäbe zu korrigieren und dem zu Unrecht Unterschätzten Profil zu verleihen.
Rockstars als Stammgäste
Das Berliner Jazzfestival, wir erwähnten es bereits, musste sich über Jahre hinweg keiner ernsthaften Konkurrenz stellen. Dann entstand in der so genannten Provinz, schrittweise, ein Jazzfestival – meist nur ein Wochenende – nach dem anderen, komplementär zur Subventionskürzung für Jazzclubs und deren Schließung. Es gab immer weniger Gründe, extra nach Berlin zu reisen, wenn man guten Jazz hören wollte. Mittlerweile aber haben die meisten Jazzfestivals dem als Zwang verschleierten Drang zur Popularisierung nachgegeben. Die angebliche Öffnung des Jazz vollzog sich stets nur in Richtung des Verkäuflichen, auf das auch die Sponsoren Wert legen. Rockstars, die in ihrem Genre durchaus bewundernswert sein mögen, wurden zu Stammgästen bei Jazzfestivals.
In diesem Kontext hat das Berliner JazzFest eine neue Bedeutung erlangt, die eine Reise wieder lohnend erscheinen lässt. Es kommt fast ohne private Sponsoren aus, die Intendanz der Berliner Festspiele und die beteiligten Rundfunkanstalten scheinen dem künstlerischen Leiter freie Hand zu lassen. Jetzt hat sich, nach fünf Jahren, Peter Schulze von dieser Position verabschiedet – mit einem Programm, das Anerkennung verdient. Ohne faule Kompromisse hat Schulze auf Entdeckenswertes gesetzt. Nicht die Bekanntheit der Namen zählt, sondern die Originalität der Konzeption. Auch Peter Schulze ist ein Advokat der Öffnung. Aber sie schielt nicht nach dem bereits Gängigen, sondern nach Berührungspunkten, die dem Hörer Anstrengung abverlangen, nach Symbiosen mit der zeitgenössischen E-Musik und mit diversen Folkloren.
Die Ergebnisse dieser Öffnung sind naturgemäß uneinheitlich. Für die glückliche Ehe von Jazz und zeitgenössischer Musik aus dem in Ermangelung einer anderen Terminologie „klassisch“ genannten Bereich mögen das Wayne Horvitz Gravitas Quartet (Klavier, Trompete, Cello und Fagott) oder das Ingrid Laubrock Nonet (Saxophon, Trompete, Bassklarinette, Violine, Cello, zwei Klaviere, Bass und der wunderbare Tim Rainey am Schlagzeug) genannt werden, für die Bereicherung durch Folklore das Trio Madeira Brasil und seine Gäste, in Europa bekannt geworden durch den Filmregisseur Mika Kaurismäki. Die folkloristischen Wurzeln gehörten dem Jazz immer schon an. Problematischer wird es bei der Koketterie mir der E-Musik. Dass Jazz eine lebendige Musikform ist, mag man daran ablesen, dass er ständig neu definiert werden muss. Was als unverzichtbares Kriterium gilt, ändert sich mit den Jahren: Improvisation, Blue Notes, Swing, Synkope, Expressivität etc. Aber gerade Peter Schulze weiß, dass der Jazz, der von unten kam, von einem gewissen Ausmaß an „Schmutzigkeit“ profitiert. Bei der Hinwendung zur „Klassik“ geht die bisweilen verloren. So wirkte die Musik des Julia Hülsmann Trios allzu akademisch, nahezu steril. Mit mehr Erfahrung legt Michael Mantler seine „Concertos“ an, die dennoch in Donaueschingen ebenso gut aufbewahrt wären wie beim JazzFest Berlin. Dass Humor und Witz im Jazz nicht auf Kosten der musikalischen Qualität gehen müssen, bewies zum Abschluss Django Bates mit StoRMChaser, einer Big Band, bestehend aus Schülern des in Dänemark lebenden englischen Musikers. Da paarte sich Vitalität mit rhythmischem Drive und Tanzfreude im wahrsten Sinn des Wortes.
Ein interessantes Festival also, eine Begegnung der ungewöhnlichen Art. Zu kurz kam dabei die puristische Linie des Jazz. Alles kann man nicht haben. Man könnte. Es ist unverständlich, dass das Total Music Meeting, veranstaltet von der verdienstvollen Free Music Production, nach all den Jahren keinen Modus der friedlichen Einigung mit dem JazzFest finden konnte wie das Forum bei den Berliner Filmfestspielen mit Panorama und Wettbewerb. Die Free Jazz-Konzerte fanden zeitgleich mit dem JazzFest statt. Wie gerne hätte ich Julie und Keith Tippett gehört, Günter „Baby“ Sommer oder Evan Parker. Doch leider kann man mit einem Hintern nur auf einer Hochzeit tanzen.
Thomas Rothschild