Mit dem Free Jazz verhält es sich ähnlich wie im Bereich der „Klassik“ mit der atonalen Musik: Obwohl sie zur Zeit ihrer Entstehung als die avanciertesten Spielarten innerhalb ihrer Genres (an)erkannt wurden, wurden sie bald von älteren Formen der Komposition bzw. des Improvisierens ins Abseits gedrängt und scheinbar überholt. Kurioserweise müssen es sich die wirklichen Neuerer – auch in der Literatur – gefallen lassen, dass sie von Advokaten viel älterer Überlieferungen immer wieder als „veraltet“ qualifiziert werden.
Man muss dankbar sein, dass es immer noch ein paar sture Hunde gibt, die sich durch solche Trendmeldungen nicht irritieren lassen. Der Saxophonist Frank Paul Schubert hat eine CD vorgelegt im Duo mit Günter Baby Sommer, der zu Recht schon in der DDR als der vielleicht bedeutendste Schlagzeuger des deutschen Jazz und des Free Jazz im internationalen Maßstab galt. Saxophon und Schlagzeug – sonst nichts. Allein die Besetzung ist bemerkenswert. Der äußere Anschein – ein Melodie-, ein Rhythmusinstrument – führt in die Irre, denn Günter Baby Sommer bedient das Schlagzeug, auch wo es nicht über bestimmbare Tonhöhen verfügt, wie ein Melodieinstrument. Die freien Improvisationen des Duos erweisen sich als egalitär, es gibt keinen Vorder- und keinen Hintermann.
Und noch eins: der Free Jazz hat vor allem in seiner anarchischen, explosiven, lauten Variante Aufmerksamkeit erregt. Frank Paul Schubert und Günter Baby Sommer führen vor, dass die freie Improvisation und Liedhaftigkeit vereinbar sind. Ein Schelm, der beim Namen Schubert Böses denkt.
Thomas Rothschild
Frank Paul Schubert/Günter Baby Sommer: Hic sunt leones. Jazzhausmusik, JHM 165.