Was Willis Conover in seiner Ansage verkündet, trifft den Nagel auf den Kopf: „Die letzte Gruppe des Nachmittags stellt als Leader und Pianisten einen Mann vor, der nicht nur als Pianist einflussreich ist, sondern auch als Komponist. Wie Thelonious Monk und Duke Ellington hat er eindrucksvolle Originale für seine eigene Gruppe geschaffen, die dann Teil des Standard-Jazzrepertoires wurden.“ Die Rede ist von Horace Silver, und die bisher unveröffentlichte Aufnahme stammt vom Newport Jazz Festival 1958. Sie ist also fünfzig Jahre alt und wirkt doch kein bisschen verstaubt.
Horace Silver war seiner Zeit voraus. Er gehört neben den Adderleys oder Bobby Timmons zu jenem Häufchen von Jazzern, die den damals aktuellen Bebop mit Funk auffüllten, mit kraftvollen Synkopen, zündenden Rhythmen und eingängigen musikalischen Themen. Ohne Horace Silver ist auch ein Joe Zawinul kaum denkbar, und beide verdanken wiederum einem Trompeter unendlich viel: dem gigantischen Miles Davis.
Horace Silver ist ein Meister der rechten Hand, der Melodieführung, aber er beherrscht auch das akkordische Spiel. Sein Stil ist weniger auffällig, weniger markant als der von, sagen wir, Thelonious Monk oder Lennie Tristano, aber weniger vital ist er keineswegs. Und so hören sich alle fünf Titel der vorliegenden CD, vier davon mit einer Länge von rund 10 Minuten, an, als wären sie gerade erst eingespielt worden. Die Besetzung des Quintetts ist „klassisch“: neben Horace Silver am Klavier spielen Louis Smith (tp), Junior Cook (ts), Gene Taylor (b) und Louis Hayes (dr). Und wer einsieht, das große Musik nicht unbedingt nur von berühmten Musikern gemacht wird, muss eingestehen, dass dieses Quintett perfekt funktioniert und dass die „Sidemen“ dem damals noch jungen Horace Silver vollauf gewachsen sind.
Thomas Rothschild
Horace Silver: Live At Newport '58. Blue Note, 50999 5 13676 2 6 (Vertrieb: EMI).
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