Wer den „Citizen Kane“ einmal gesehen hat, der eigentlich nicht weniger zum Repertoire eines gebildeten Menschen unserer Zeit gehören dürfte als Goethes „Faust“ oder Beethovens Fünfte, erinnert sich mit Sicherheit an jene Szenen, in denen Kanes zweite Frau Susan Alexander sich (und den Zuschauer) zunächst mit ihrem verzweifelten Gesangslehrer und dann in jenem Opernhaus, das ihr stinkreicher Mann extra für sie bauen ließ, sängerisch abquält. Die Arie, die Orson Welles seiner talentlosen Mrs. Kane abverlangt, beginnt mit den Worten „Una voce poco fa“ und stammt aus Rossinis „Babier von Sevilla“. Sie ist grandios gewählt, denn sie strebt in Höhen, die auch begabteren Sängerinnen Mühen bereiten. Die Tortur, der Susan Alexander unterzogen wird, erhält ihr akustisches Abbild in den nicht zu bewältigenden Intervallen, deren Herausforderung sich zudem im Gesicht der Geplagten spiegelt.
Und wie einem die Qual Susan Alexanders geradezu körperlichen Schmerz bereitet, so vermittelt die gleiche Arie ein Glücksgefühl, wenn eine Sängerin wie Maria Callas sich ihrer annimmt. Wer heute den Zirkus miterlebt, der um Anna Netrebko inszeniert wird, könnte dazu neigen, retrospektiv auch den Callas-Wirbel für ein Medienprodukt zu halten. Aber dann kommt eine Aufnahme auf den Markt, die mehr als 50 Jahre auf dem Buckel hat, und wischt alle Skepsis beiseite. Der Mitschnitt des „Barbiers“ aus der Mailänder Scala unter der Stabführung von Carlo Maria Giulini lässt auch in seinem Mangel, dem fehlenden Bild, erkennen, dass man die Buffa ernst nahm. Die Heiterkeit der Veranstaltung kommt, salopp formuliert, herüber. An der Seite von Maria Callas als Rosina steht Tito Gobbi als Figaro. Die beiden ernten zu Recht den Löwenanteil am Applaus und an den begehrten „Bravi“.
Es versteht sich, dass eine Aufnahme aus dem Jahre 1956 nicht den heute gewohnten technischen Standards entspricht. Man nimmt es gerne in Kauf.
Thomas Rothschild
Gioacchino Rossini: Il Barbiere di Siviglia. Profil, PH08015 (Vertrieb: Naxos).