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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 17:48

 

Exodus. Exil 1977

28.02.2008

Punky Reggae Party

Das Time-Magazine kürte vor einigen Jahren Bob Marleys Exodus zum besten Album des Jahrhunderts. Eine Jubiläumsausgabe von Exodus anlässlich des 30. Jahrestages ihres Erscheinens hat daher ihre Berechtigung. Exodus. Exil 1977 (herausgegeben von Richard Williams) ist keine ganz gewöhnliche Neuauflage.

 

Ein Charakteristikum des Musikjournalismus besteht im ungehemmten Gebrauch von Superlativen. Kein Wunder, die Popmusik lebt schließlich von Hitparadenplatzierungen und die Popgeschichtsschreibung erstellt im Rückblick wieder eigene Top-Five, Top-Ten oder Top-100-Listen und leistet so eine Kanonisierung von Alben und Songs, bis schließlich nur noch Meilensteine untereinander „gerankt“ werden. Das Time-Magazine kürte vor einigen Jahren Bob Marleys Exodus zum besten Album des Jahrhunderts. Natürlich ist es müßig, darüber zu streiten, ob die Platte wirklich besser oder schlechter ist, als etwa Blonde o­n Blonde oder OK Computer. Dass sie wichtig ist, zeigt sich am besten daran, dass sie auch heute noch überzeugt. Eine Jubiläumsausgabe von Exodus anlässlich des 30. Jahrestages ihres Erscheinens hat daher ihre Berechtigung.

Exodus. Exil 1977 (herausgegeben von Richard Williams) ist keine ganz gewöhnliche Neuauflage. Sie verzichtet (fast) vollständig auf die sonst üblichen und oft redundanten Bonustracks, stattdessen gibt es zum Originalalbum auf CD einen großformatigen Bildband, der das künstlerische Werk in seinen Kontext und seine Interpretation einbindet. Zusammen mit den Fotografien vermitteln die Beiträge diverser namhafter Musikjournalisten, die die Entstehung von Exodus beschreiben, Eindrücke von der kulturellen und politischen Atmosphäre, innerhalb derer im London des Jahres 1977 die Aufnahmesessions stattfanden. Marley war in die englische Hauptstadt gekommen, nachdem er in Jamaika einen Attentatsversuch überlebt hatte. Lange hatte er in Kingston auf einem Hof gelebt, in einer Art selbst geschaffener Oase, und seine Vision des offenen Zusammenlebens der gewalttätigen Spannungen im Land ungeachtet aufrecht erhalten, bis am 3. Dezember 1976 ein Trio bewaffneter Männer auf den Hof fuhr und Marley, seine Frau und einige seiner Freunde und Bekannten niederschoss. Dieser Vorfall veranlasste Marley schließlich, ins Exil nach England zu gehen.

Seit dem enorm erfolgreichen Auftritt seiner Band, den Wailers, im Londoner Lyceum zwei Jahre zuvor – festgehalten und nachzuhören auf einem Live-Album – war er hier kein Unbekannter mehr. Und er traf auf eine Musikszene im Aufbruch. Prog- und Hardrock lagen in den letzten Zügen, Punk und New Wave bildeten sich gerade heraus. Wie aufgeschlossen deren Protagonisten, allen voran The Clash, dem Reggae gegenüberstanden, weiß jeder, der deren (White Man) In Hammersmith Palais auch nur einmal gehört hat. Marley nannte die Begegnung der Musikstile eine Punky Reggae Party und schrieb einen Song mit diesem Titel. „The Wailers will be there, The Damned, The Jam, The Clash...“ heißt es da.
Im ausführlichsten Essay des Bandes erzählt Lloyd Bradley von dieser Party. Bradley stellt zunächst die politische Situation in Jamaika während der 1970er Jahre dar und schildert anschließend die Verhältnisse, die die Band in England vorfand. Vivien Goldmann zeichnet die Zeit im Studio nach, der Co-Produzent des Albums, Chris Blackwell, kommt zu Wort und Richard Williams erklärt, welche Rolle Fußball für Marley und seine Musikerkollegen spielte. Marleys Landsmann, der Lyriker und Essayist Linton Kwesi Johnson schreibt schließlich über die Songtexte von Exodus, die sich immer wieder mit dem Attentatsversuch auseinandersetzen. Sie verknüpfen den Ausdruck von Widerstand und Hoffnung mit biblischer Metaphorik und fügen sich, wie Johnson zeigt, insgesamt zu einem Zyklus. Aus ihnen spricht Marleys Fähigkeit, „das Persönliche auf das Politische, das Private auf das Öffentliche, das Besondere auf das Universelle zu übertragen – mit einer scheinbaren Leichtigkeit, die den Zugang garantiert“, so Johnson.

Wer möchte, kann es nachprüfen, denn die Songtexte sind ebenfalls abgedruckt. So ergibt sich ein vielseitiges Bild von Marleys Leben und musikalischem Schaffen in dieser Zeit, auf dem Zenit seiner Kreativität. Obschon nicht ganz frei von Redundanzen – manches liest man drei oder vier mal in den verschiedenen Texten – und stilistisch nicht immer elegant – was wiederum an der Übersetzung aus dem Englischen liegen mag – ist es ein gelungener, fundierter und dank der zahlreichen Fotografien bunter Beitrag zur Popmusikgeschichte. An dessen Ende gehören freilich wieder Superlative. Exodus wurde ein großer Erfolg, gelangte in den USA in die Top 20, in Großbritannien in die Top 10 und belegte dort den neunten Platz unter den bestverkauften Alben des Jahres 1977. Und Bob Marley wurde zum ersten Weltstar der so genannten Dritten Welt.

Andreas Martin Widmann


Exodus. Exil 1977
Herausgegeben von Richard Williams
Hannibal 2007
144 Seiten
ISBN 978-3-85445-287-4

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