Fünfunddreißig deutsche Bühnen spielen in dieser Saison Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“. Zugegeben, das Stück, der sechsundsechzigste Aufguss von Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, ins Komische gewendet, bietet wie das Vorbild vier Schauspielern attraktive Rollen und zeichnet sich gegenüber papierenen Dramen durch „well made“ Dialoge aus. Aber der Konformismus der Spielplangestaltung spricht nicht gerade für die Fantasie und die Entdeckerfreude der Dramaturgen.
Auch in den Konzertsälen wagt man sich nur ausnahmsweise über das bewährte Repertoire hinaus. Mit bekannten Namen und deren bekannten Kompositionen geht man kein Risiko ein. Johann Friedrich Fasch, der nur um drei Jahre jüngere Zeitgenosse Johann Sebastian Bachs, der den Meister um acht Jahre überlebt hat, ist immer noch ein Geheimtipp. Zu Unrecht, wie seine jetzt auf Naxos, dem preisgünstigen und dennoch qualitätsbewussten Label, vorgelegte „Passio Jesu Christi“ beweist. Fasch hat den Text von Barthold Heinrich Brockes, der unter anderem auch Händel und Telemann als Vorlage diente, mit großer Innigkeit, aber auch mit dramatischem Furor vertont. Seine Passion klingt schlicht und komplex zugleich, variiert eingängige Motive und überrascht mit gewagten Übergängen, mit kontrastreicher Gegenüberstellung von Arien und Chorälen, die durch Rezitative in konventioneller Weise verbunden sind.
Im Begleittext erläutert Nigel Springthorpe den Unterschied zwischen einer oratorischen Passion und einem Passionsoratorium. Die zweite Gattung, zu der auch Faschs der Johannes-Passion verwandtes Oratorium gehört, legt einen dichterischen Text zugrunde, der die Evangelientexte eigenmächtig ergänzt. Sie wurde daher von den kirchlichen Autoritäten abgelehnt. Fasch hat das Libretto von Brockes seinerseits gekürzt und bearbeitet.
Der Passion vorangestellt ist auf der CD die Ouverture in d-moll, wobei die Bezeichnung „Ouverture“ wie bei Bach als „Suite“ zu verstehen ist, die hier aus einer Ouverture (im engeren Sinne), einer Aria, einer Bourrée, einem Menuett und zwei weiteren Arien besteht. In der soliden Aufnahme mit dem ungarischen Capella Savaria Baroque Orchestra und der Schola Cantorum Budapestiensis unter der Leitung von Mary Térey-Smith und mit dem Tenor Zoltán Megyesi als Evangelist und dem Bass Péter Cser als Jesus enttäuscht lediglich die bekannte Sopranistin Mária Zádori, die Leichtigkeit und Strahlkraft vermissen lässt, in den Höhen gepresst und angestrengt klingt.
Thomas Rothschild
Johann Friedrich Fasch: Passio Jesu Christi. Naxos, 8.570326.
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