Inmitten des Einheitssounds, der uns, wo wir auch hinkommen, umhüllt, ist man dankbar für jede ungewöhnliche Aufnahme, die man, wenn man will, auch als Kuriosum bezeichnen kann. Solch ein Kuriosum ist die Musik der Gruppe Ersatzmusika, beheimatet in Berlin, bestehend aber aus Russen. Die deutsche Hauptstadt beherbergt ja, fast unbemerkt, wieder eine beachtliche russische Kolonie, wie in den zwanziger Jahren, nach der Revolution, als sich zahlreiche Emigranten in der Nähe des Tiergartens ansiedelten.
Ersatzmusika: das ist die Sängerin Irina Dubrovskaja, die auch Keyboards, Akkordeon und Xylophon spielt, mit den Gitarristen Leonid Sojbelman und Sergej Voronzov, auch an Bass und Xylophon, dem Bassisten Igor Vdovčenko und den Schlagzeugern Michail ´ukov und Roman Bu¨uev. Diese Besetzung könnte auf einen satten Klang schließen lassen. Aber Ersatzmusika gibt sich minimalistisch und konzentriert sich auf die verhaltene, tiefe Stimme von Irina Dubrovskaja, die auch einen großen Teil der Songs geschrieben hat. Die klingen intim und ironisch zugleich, schöpfen aus der Tradition der russischen Zigeunerromanze und des Volkslieds. Die Texte, von denen leider nur einer – ins Englische – übersetzt ist, sind fast sarkastisch. Man weiß nicht recht, ob sie sentimental ernst oder als Parodie gemeint sind. Die suggestive Wirkung geht von den einfachen Melodien und, wie gesagt, vom Gesang aus. Man möchte sich ihr nicht entziehen.
Thomas Rothschild
Ersatzmusika: Voice Letter. Asphalt Tango, CD-ATR 1407 (Vertrieb: Indigo).
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