Zum Beispiel Stuttgart. Die baden-württembergische Hauptstadt mit rund 600000 Einwohnern kann auf den Gebieten des Theaters, der Oper, des Balletts, der bildenden Kunst, der klassischen Musik, auch der Comedy mit einem beachtlichen Angebot aufwarten, das sich an dem anderer Städte dieser Größenordnung mühelos messen darf. Mit dem Jazz jedoch ist es ein ewiges Auf und Ab. Seit Jahrzehnten bemühen sich einzelne unverbesserliche Liebhaber dieser Kunstform um geeignete Lokale und Aufführungsbedingungen, um ein entsprechendes Umfeld und – wie könnte es anders sein – um Geld. Immer wieder scheitern sie an der Halbherzigkeit der Kommune, an internen Streitigkeiten, an einem nach wie vor bornierten Kulturverständnis. In Stuttgart und in der näheren Umgebung investieren Idealisten immer wieder unter Selbstausbeutung und wenig gewürdigt Energie und Freizeit für die Aufrechterhaltung des Jazz. Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie irgendwann resignieren und aufgeben. Nur noch nostalgische Geschichte sind die Zeiten, als der Süddeutsche Rundfunk seinem Auftrag nachkam und die großartige Reihe „Treffpunkt Jazz“ finanzierte, die 1989 mit dem unvergessenen Dieter Zimmerle verschieden ist. Auch unter den Programmgestaltern der tagsüber ausgestrahlten Musiksendungen sind kenntnisreiche Jazzenthusiasten wie der längst verstorbene Peter Mordo selten geworden. Werner Schretzmeier hat in seinem Theaterhaus lange versucht zu retten, was zu retten war, aber auch er wurde aufgerieben im Konflikt zwischen der finanziell riskanten kontinuierlichen Förderung von neuen Entwicklungen und noch nicht etablierten Musikern einerseits und dem Flirt mit dem Gängigen, das sich vom Jazz im eigentlichen Sinne immer weiter entfernt hat.
Jedenfalls wird einem im Zusammenhang mit Stuttgart beim modischen Schlagwort „Boomtown“ alles Mögliche eher einfallen als just der Jazz. „boomtown jazzfestival“ (mit obligatorischer Kleinschreibung) aber nennt sich der neue Anlauf, der zu Ostern unternommen wurde, just an dem Termin, an dem seit mehr als zwanzig Jahren die heuer ausgefallenen Theaterhaus Jazztage stattfanden – vorsichtshalber nicht in einem der ganz großen Säle, sondern im intimen BIX Jazz Club, der letzten Neugründung im Bereich der wechselnden Jazzlokale, und im Gustav-Siegle-Haus, in dem das BIX beheimatet ist und das schon allerlei Verwendungszwecken zugeführt wurde – Rudi Dutschke habe ich hier ebenso gehört wie Gentle Giant (als man in der feineren Liederhalle bei Rockkonzerten noch um die Bestuhlung zitterte) oder die gegenwärtigen Hausherren, die Stuttgarter Philharmoniker –, das aber so recht behaglich nicht wirken mag. Nun bemisst sich die Qualität eines Festivals, das mehr sein will als ein Konglomerat von Events, an seiner Konzeption, am Zusammenspiel der Elemente. Davon hätten wir gerne berichtet. Die Veranstalter aber erwiesen sich als nur begrenzt medienfreundlich. Eine generelle Akkreditierung war nicht zu bekommen, mit Pressekarten wurde gegeizt. Dabei habe ich das Festival mitfinanziert: mit meiner Zahnarztrechnung, die der Festivalsponsor Allianz Versicherung nicht begleichen will. Ob Joe Jackson und das Esbjörn Svensson Trio gehalten haben, was ich mir von ihnen versprochen hätte, weiß ich nicht: ich wurde nicht eingelassen. So können hier anstelle eines Festivalrückblicks nur Eindrücke von ein paar besuchten Konzerten gegeben werden. Auch das ist symptomatisch für die „Jazzstadt“ Stuttgart. Ginge Daimler so mit der Öffentlichkeit um, wüsste man wohl nicht, dass die Autos am Neckar produziert werden. Wie es denn überhaupt keineswegs selbstverständlich sein müsste, dass einem zu „Stuttgart“ Mercedes-Benz oder Porsche einfällt, nicht aber Wolfgang Dauner, immerhin einer der bedeutendsten Jazzpianisten Deutschlands und darüber hinaus. Schließlich denkt man bei „Regensburg“ auch eher an die Domspatzen als an Händelmaiers gewiss einmaligen süßen Senf.
Eröffnet wurde das Festival von dem Saxophonisten Pee Wee Ellis, der mit seiner nach Stuttgart mitgebrachten vorzüglichen Band Funkjazz pur lieferte. Das war technisch perfekt, hätte aber mit seiner glatten Oberfläche und dem immer gleichen Schema nach einiger Zeit gelangweilt, hätten nicht Pee Wee Ellis, aber auch seine Mitstreiter, die er trotz des Altersunterschieds offensichtlich mit Respekt behandelte, ein paar fulminante Soli geliefert und dann, als Höhepunkt, Ellis und der blutjunge Josh Arcoleo ein Duell der Tenorsaxophone. Da durfte man wahrnehmen, wie unterschiedlich ein Instrument klingen kann – sanft und samtig bei Ellis, klar und schneidend bei Arcoleo –, wie großartig aber auch zwei Musiker, die zwei Generationen von einander trennen, sich verständigen können.
Anschließend, im BIX, zeigten der Gitarrist Jean Paul Bourelly, der Bassist Melvin Gibbs und der Schlagzeuger G. Calvin Weston, die nach Ankündigung des Festivalleiters und BIX-Geschäftsführers Jürgen Schlensog mit der Kluft eines männlichen Models und der Sprache eines Teenagers (oder ist es doch die eines Jahrmarktsausrufers?) „super drauf“ waren, was sie von Jimi Hendrix gelernt haben. Das Trio, bei dem Weston für Cindy Blackman eingesprungen war, nennt sich The Band Of Gypsys Reloaded und besteht aus erfahrenen, um nicht zu sagen: routinierten Musikern. Auch hier, besonders bei Bourelly, mangelte es nicht an technischer Perfektion, aber irgendwie klang das alles herzlos, uninspiriert. Wäre es nicht so laut gewesen: man hätte sich wohl bald mit dem Nachbarn unterhalten und die Musik als Hintergrund akzeptiert.
Aus Norwegen, der Heimat von Jan Garbarek, Arild Andersen, Terje Rypdal und Nils Petter Molvær, wurde die Gruppe Beady Bell eingeflogen. Wirklich herausragend ist nur der Gitarrist der aktuellen Formation, der leider wenig Möglichkeit bekam, sein Talent zu zeigen. Beate Lech ist wohl die Sängerin mit den kuriosesten Verrenkungen. Die Stimme kann da nicht mithalten, sie ist viel weniger bemerkenswert. Weder, was die Power, noch was den Ausdruck und die Modulationsfähigkeit betrifft, ist Lech eine neue Julie Driscoll, eine neue Inga Rumpf, eine neue Iva Bittová oder gar eine neue Lauren Newton (die auch schon in Stuttgart daheim war). Das ist So-so-na-ja-Musik, passabel, doch nicht aufregend: dafür braucht es kein Festival.
Dann aber kam Wolfgang Dauner. Er benötigt keinen Heimvorteil. Was er mit dem wohl bedeutendsten Jazzviolinisten nach Stéphane Grappelli, mit Jean-Luc Ponty zum Besten gab, hätte auch in Malmö oder Kapstadt Begeisterungsstürme hervorgerufen. Interessant war an dem Duo, wie sich da zwei keineswegs einheitliche Stilrichtungen aneinander rieben. Während Pontys elektrische Violine sich weitgehend am Swing orientiert, ist Dauner ein Eklektiker, der sich Anregungen holt, wo sie ihm begegnen. Deshalb liebt er selbst innerhalb einzelner Stücke Tempo- und Rhythmuswechsel. Die beiden angenehm bescheidenen Musiker spielten ihre eigenen Originalkompositionen, bis sie sich in dem Standard „All The Things You Are“ die Bälle zuspielten. Ponty kommentierte: „Es gibt einiges Risiko heute Abend, aber das ist, worum es im Jazz geht.“ Ein wahres Wort. Was beim boomtown jazzfestival fehlt wie zuvor schon beim jazzopen und auch beim Theaterhaus Jazzfestival, ist der harte Kern des Jazz. Die gerne triumphal verkündete Missachtung von Genregrenzen, die in Wahrheit nur die Koketterie mit der vermeintlich publikumswirksameren Popmusik verschleiern soll (Montreux hat das vorgemacht), drängt den Jazz im emphatischen Sinne in die Isolation. Damit klar wird, was gemeint ist: Beim Glasgow International Jazz Festival waren 2007 unter anderem folgende Künstler zu hören: Stephen Duffy, Kenny Garrett, Tord Gustavsen, Brad Mehldau, Pat Metheny, Courtney Pine, Annie Ross, Keith Tippett, Randy Weston. Glasgow hat 600000 Einwohner. Warum sollte am Neckar nicht möglich sein, was am Clyde geht? Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin ein leidenschaftlicher Fan von, sagen wir, Van Morrison, an dessen bester LP „Into The Music“ Pee Wee Ellis entscheidend Anteil hatte. Und ich würde kein Konzert von Van Morrison im erreichbaren Umkreis versäumen wollen. Auch gibt es Schnittmengen von Jazz und Rock. Return To Forever, zum Beispiel, die Band von Chick Corea, die demnächst wieder auf Tournee geht, gehört da hinein oder Billy Cobham. Wo sich aber die Koordinaten verschieben, bleibt kein Platz mehr für Jazzpuristen wie, um nur ein paar Deutsche zu nennen, Peter Brötzmann, Alexander von Schlippenbach oder Günter „Baby“ Sommer. Oder, um in der Region zu verharren: warum hört man von Herbert Joos, einem der besten Trompeter und Flügelhornisten im internationalen Maßstab, in Stuttgart gerade soviel, als lebte er auf einem anderen Stern? Auf dem Gebiet des Jazz wiederholt sich da, was auf dem Theater passiert, wenn Boulevardstücke und dramatisierte Erfolgsfilme die Spielpläne besetzen.
Für das bereits etablierte jazzopen Mitte Juli hat der Veranstalter des boomtown jazzfestivals Diana Krall, Lenny Kravitz, Mike Batt und Chicago avisiert. Wir werden gerne darüber berichten. Akkreditierung vorausgesetzt.
Thomas Rothschild