Ein Sampler ist stets nur so gut wie die kompilierten Aufnahmen und die Konzeption. Die Naxos-Box „Jazz Legends“ versucht gar nicht erst, einen Überblick über die Jazzgeschichte zu liefern oder so viele Namen wie möglich unterzubringen. Sie plündert auch nicht Archive nach dem Zufallsprinzip. Alle sechzig Titel stammen, mit einer einzigen Ausnahme von 1951, aus den dreißiger und vierziger sowie, bei der göttlichen Bessie Smith, aus den zwanziger Jahren. Die beiden CDs „Ladies of Jazz“ und „Kings of Swing“ beschränken sich auf je fünf, die dritte CD „Bebop Masters“ präsentiert sieben Künstler. Die Auswahl ist vortrefflich. Es handelt sich in der Tat um „Legenden“, und sie repräsentieren genau jenen Sektor, für den sie ausgesucht wurden. Lediglich Teddy Wilson würde man vielleicht eher dem Swing als dem Bebop zuordnen, während Louis Armstrong gewiss kein typischer Vertreter des Swing ist, mit den vorliegenden Aufnahmen aber durchaus in die Kategorie passt.
Die Zusammenstellung will nicht um jeden Preis originell sein. Einige Aufnahmen gehören zu den viel gespielten und oft auch kopierten „Klassikern“ des Jazz, wie etwa Miles Davis’ „Milestones“ von 1947, Thelonious Monks „’Round About Midnight“ aus demselben Jahr, Glenn Millers „In The Mood“ von 1939, Benny Goodmans „Sing, Sing, Sing“ von 1937 oder Duke Ellingtons „Mood Indigo“ von 1940. Auch Kurioses ist dabei, wie Glenn Millers Kurzversion der „Rhapsody In Blue“ oder Charlie Parkers für ihn eher atypisches „Summertime“ (Gershwin hat es selbst dem Bop-Großmeister angetan). Besonders instruktiv ist die Gegenüberstellung der vier großen Jazzladies Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Bessie Smith und Sarah Vaughan, zu der sich noch Peggy Lee gesellt. „Strange Fruit“ von Billie Holiday, aber auch Ella Fitzgeralds Version von „Oh! Lady Be Good“ oder der „Empty Bed Blues“ von Bessie Smith: was, wenn nicht diese faszinierenden Interpretationen, wären Legenden des Jazz? Der Vollständigkeit halber: außer den bereits Genannten sind noch Dizzy Gillespie, Lester Young und Coleman Hawkins beim Bebop und Count Basie auf der Swing-CD zu hören. (Nebenbei: woran liegt es, dass der wunderbare Basie heute „vergessener“ erscheint als Benny Goodman und Duke Ellington und als der vergleichsweise doch am wenigsten inspirierte Glenn Miller, dessen „American Patrol“ zwar zu Recht in dieser Legenden-Sammlung dabei ist, einem aber auch auf die Nerven gehen kann.)
Die spartanischen Beiblätter enthalten dankenswerterweise die Aufnahmedaten. Zu den Besetzungen, wo möglich zur Abfolge der Soli, liefern sie keine Angaben. Das ist der einzige Einwand, der das Vergnügen schmälert. Gerade im Jazz gibt es für die Edition gute Vorbilder. Eine gescheite Zusammenstellung wie diese von Naxos, die mehr als drei Stunden pures Musikvergnügen gewährt, sollte auch editorisch ein Optimum anstreben.
Thomas Rothschild
Jazz Legends. 60 All Time Classics. Naxos 8.103014S.