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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 17:53

 

Sonia Simmenauer: Muss es sein?

07.08.2008

Beiträge zur Lebenskunst

Die Betrachtungen der Konzertagentin Sonia Simmenauer zum Leben im Streichquartett eröffnen nicht nur Einblicke in einer komplexe Kunstform des gemeinsamen Musizierens, sondern sind auch eine originelle Reflexion über die gelebte Utopie eines gemeinsamen Arbeitens und Lebens über Jahrzehnte hin.
Von Wolfram Schütte

 

Mein Rezensionsexemplar stammt schon aus der „2. korrigierten Auflage“, und wahrscheinlich wäre mein Korrekturvorschlag (Verdi hat ein Streichquartett geschrieben, S.37) für die dritte Auflage - in der das womöglich korrigiert wurde? - auch schon wieder zu spät. Der Berenberg-Verlag - dem Leser, die sich gerne auch überraschen lassen und neugierig sind, schon manche schöne Entdeckung verdanken - hat also offensichtlich mit Sonia Simmenauers „Muss es sein? Leben im Quartett“ einen kleinen Bestseller gelandet. Das ist erfreulich.

Ganz verwunderlich ist es jedoch nicht, wenn man die Betrachtungen, Anekdoten und Berichte von der 1960 in den USA geborenen, in Paris aufgewachsenen und seit 1982 in Hamburg lebenden Konzertagentin für Streichquartette gelesen hat. Denn dieses von Joseph Haydn in seiner seither nicht mehr veränderten Besetzung aus zwei Violinen, einer Bratsche und einem Violoncello bestehende klassische Kammermusikensemble hat wohl noch heute unter seinem Publikum die höchste Zahl von Kennern & Liebhabern – Amateuren also, die aus eigener Musikpraxis nicht selten die Werke sozusagen physisch kennen, die ihnen z.B. vom Guanieri-, vom LaSalle-, Alban-Berg- oder Artemis-Quartett in höchster Vollendung dargeboten wurden. Für diese „eingeschworene Gemeinde“ hat Sonia Simmenauer ihr Buch geschrieben, ihm wird es hoch willkommen sein. Aber jedem anderen Musik-Liebhaber ebenso. Ja, man muss noch nicht einmal das sein, um an dieser Erkundung eines „Lebens im Quartett“ Interesse zu entwickeln, geht es doch auch um: - Lebenskunst.

Die bekannte Konzertagentin stammt aus einer Hamburger Familie assimilierter Juden, in der Hausmusik eine lange Tradition hatte. Ihr Großvater, Rechtsanwalt und Amateurmusiker, rettete sein Vermögen, indem er es, vor seiner Emigration 1933, in den Instrumenten-Ankauf eines kompletten Streichquartetts von Amati umsetzte. Die „alten“ (sprich: höchst kostbaren) Instrumente passierten problemlos die Grenze, weil sie nicht neu waren. 1938 konnten Sonia Simmenauers Eltern gerade noch nach Frankreich emigrieren und versteckt in Südfrankreich den Krieg überleben und den deutschen Nachstellungen entgehen. Danach ließen sie sich in Paris nieder, wo Sonia Simmenauer als Kind – der Vater setzte mit deutschen Freunden die Kammermusiktradition seiner Familie fort – „seit jeher Streichquartettmusik und die deutsche Sprache (hörte). Ich konnte weder das eine, noch das andere, und doch haben sich beide zu Hauptkomponenten meines Lebens entwickelt. Aus dem Streichquartett habe ich meinen Beruf gemacht, Deutsch ist zu meiner Hauptsprache geworden. (...) So ist das Streichquartett – und die für mich dazugehörende deutsche Sprache – die Brücke zur Welt meiner väterlichen Familie, zu meinem Ursprung im deutschen Judentum und letztlich zum Judentum selbst.“

Zum Streichquartett war die Beziehung der jungen Frau, die ihre erste feste Stelle bei einer Konzertagentur in Hannover hatte, sogar noch intimer. Denn in erster Ehe, aus der ihre zwei Kinder stammen, war sie mit dem Cellisten des Brahmsquartetts verheiratet, so dass sie „lange Zeit den Proben im wahrsten Sinne des Wortes beiwohnte“, wie sie in ihrem sympathisch-unprätentiösen Stil bemerkt.

Sie hat, was sie dann in eigener Regie als Vermittlerin zwischen den Konzertveranstaltern und „ihren“ Streichquartetten zu ihrem Beruf gemacht hat, gewissermaßen „von der Pike auf“ gelernt und als innersten eigenen Weg beschritten. Ihr zweiter Mann, ein Psychoanalytiker, wird ihr dabei auch hilfreich gewesen sein. Denn wenn man Sonia Simmenauers Inside-out -Buch gelesen hat, wird man wissen, dass das Streichquartett nicht nur das „Experimentierfeld der Komponisten“ und vielleicht die reinste Form der klassischen Musik ist, sondern die vier ausübenden Musiker als Agentin zu vertreten und vor allem zu betreuen, auch wohl die riskanteste Gratwanderung im Beruf einer Konzertagentin ist.

Solisten in Gruppentherapie

Man hat es eben nicht mit den kalkulierbaren Eigenarten und Marotten eines Solisten oder dem hierarchisch zugeschnittenen Korpus eines Orchesters zu tun, sondern mit der per se immer fragilen Balance von vier Solisten, die sich zu einem „Leben im Quartett“ entschlossen haben.

Es ist einer eheähnlichen Verbindung im Sinne einer konservativen Verantwortungsethik zu vergleichen, weil alle vier, die meist aus gesicherten Positionen in Orchestern kommend, in denen sie ihre künstlerischen Möglichkeiten und Wünsche nicht ausschöpfen konnten, sich auf die lange Durststrecke einer ökonomisch und existentielle prekären gemeinsamen Karriere begeben, deren existenzsichernder Erfolg nicht absehbar ist. Deshalb dauert es oft eine Weile, bis sie mit wechselnden Besetzungen zur endgültigen Einheit gefunden haben, die sie dann – in einem immer neu zu konstituierenden Prozess der gemeinsamen Interpretation – über Jahre und Jahrzehnte aufrechterhalten müssen. Wahrscheinlich gibt es kein derart eng & existentiell aufeinander angewiesenes Ensemble - außer bei Hochseilartisten im Zirkus.

Wie die Streichquartett-Literatur sich im Laufe ihrer historischen Entwicklung verändert hat, so auch die innere (soziale) Struktur des Quartetts. Der ursprünglich „tonangebende“ Primarius ist weitgehend einem „gleichberechtigten“ Ensemble gewichen, in dem jeder an der „dialogischen“ Erarbeitung jenes „dichten Textes“ auf seine spezifische Weise beteiligt ist, mit dem einmal zutreffend die musikalische Struktur des Streichquartetts verglichen wurde. Ob sich dabei aber „die vier Instrumente aus der gleichen Familie (...) zu einem einzigen Instrument vereinigen“ (Bernard Fournier), oder wie der von Simmerauer mehrfach zitierte Spiritus rector des LaSalle-Quartetts, Walter Levin, verlangt, nicht ein Instrument zu hören sein soll, sondern „die vier auseinanderdividiert“, damit die Transparenz der Partitur in der Differenz der vier Stimmen klar hervortrete: das ist schon umstritten. Es wird sich nach dem Charakter des Ensembles, dem Mischungsverhältnis seiner vier individuellen Charaktere richten. Denn einen eigenen, unverwechselbaren Charakter soll das Ensemble schon entwickeln und bewahren - was schwierig genug sein mag -, um in der Konkurrenz (wieder)erkennbar zu sein.

Das Aufregende, Inspirierende und jeden Leser (ob Musiker, Laie oder Musikhörer) Bewegende an Sonia Simmenauers wie improvisiert wirkenden, aber sehr durchdachten, ja erfahrenen Überlegungen, Bemerkungen und Anekdoten rührt daher, dass sie das Streichquartett nicht bloß als eine spezifische künstlerische Produktionsform mit allen ihren subtilen Funktionsproblemen betrachtet. Sondern sie erkennt in ihm die gelebte Utopie einer menschlichen Lebensform zwischen individueller Freiheit und kollektivem Konsens, den experimentellen Nukleus einer gesellschaftlichen Erlebnis-, Arbeits-, Verhaltens- und Umgangsweise, ein Exerzierfeld des arbeitsteiligen, gegenseitigen, „demokratischen“ Nehmens & Gebens, Verantwortens & Tolerierens: mit allen „Mühen der Ebenen“, aber auch ihren einzigartigen artistischen Triumphen, die nur gemeinsam errungen werden können.
Was für ein schönes Buch!

Wolfram Schütte


Sonia Simmenauer: Muss es sein? Leben im Quartett. Berenberg Verlag, Berlin 2008, 131 Seiten, 19 ¤

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