Musik und die Wirklichkeit sind bekanntlich zwei erbitterte Widersacher. Ihr Konflikt führt zu interessanten Verwicklungen: The Who sind inzwischen alt, aber immer noch nicht gestorben. Das neue Album von Animal Collective scheint etwas zu beschwören, das unter der Decke der Wirklichkeit, also unter dem ganzen Zivilisations-Wahnsinn, dem notorischen Blenden, dem nimmermüden Geschacher um Geld, dem ganzen Schrott verschüttet liegt. Es greift nach einem archaischen Zipfel und zerrt ins Tageslicht, was da mürrisch schweigend ausgeharrt hat. Es wirkt wie eine Wärmepackung in Zeiten klirrender Kälte. Es ist ein Sommeralbum mitten im Winter. Jeder Song versprüht großzügig eine schwüle sommerliche Vitalität. Der Winter ist der Tod, der Sommer das Leben. Und das Leben hat immer einen Körper: "My bones gotta move and my skin's gotta breathe" ("Summertime Clothes"). Im mantraartigen "Guy's Eyes" heißt es: "I really want to do just what my body wants to. I really want to do just what my body needs to."
Die Songs auf „Merriweather Post Pavilion“ schweben über einem warmen Ozean aus Synthies und allerlei blubbernden und sinuswellenden Geräuschen. Über der Weite erklingt Trommelwirbeln, repetitive Figuren springen immer wieder hervor wie lebenswütige Tümmler, und hymnisch-chorale Gesänge färben den Horizont azurblau. Trotz elektronischer Klangquellen haftet der Musik etwas Ursprüngliches, Organisches, Tribalistisches an. Als große Referenz erscheinen immer wieder die Beach Boys, deren unwiderstehlichen Popformeln Animal Collective ein luftigeres Gewand geben. Denn Popkonventionen sind für Animal Collective kein erstickendes Korsett, sondern allenfalls eine Spielwiese. Bei den ausladenden Arrangements kann man dabei leicht übersehen, dass sie überaus findige Songschreiber sind. Oft kreist die Melodie zunächst lange um einen Grundton, bis sie sich schließlich in einer überraschenden Akkord-Progression löst. In "Bluish" etwa fließt sie da durch einen Canyon ungewöhnlicher harmonischer Wendungen, die erst beim zweiten oder dritten Hören zünden.
Das Album bringt es irgendwie fertig, so etwas wie Nestwärme zu verströmen. Es macht sicher auch Spaß, es alleine zu Hause mit Kopfhörern zu genießen. Aber die wahre Größe dieser Musik entfaltet sich erst in der Gemeinschaft, wenn man sie mit anderen Menschen zusammen hört und spürt. Wer jemals auf einem Konzert von Animal Collective gewesen ist, weiß, wovon ich spreche. Die uralte Diskussion, ob Musik nun wirklichkeitsmächtig sei oder nicht, kann natürlich auch dieses Album nicht beantworten. Ich lasse mich dennoch zu einer naiven Behauptung hinreißen: Wer „Merriweather Post Pavilion“ liebt, kann kein Arschloch sein.
Benjamin Borgerding
Animal Collective: Merriweather Post Pavilion. Domino Records (Vertrieb: Indigo).
Animal Collective bei MySpaceHomepage von Animal CollectiveAnimal Collective live:18.1 – Postbahnhof, Berlin

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