John Surman: Free and Equal
22.02.2004
Mit Blech
Jan Garbarek, kein Zweifel, ist ein grandioser Saxophonist. Er hat einen ganz eigenen Ton in die improvisierte Musik gebracht, hat den wilden, nervösen Explosionen des Bebop und seiner die Jazzgeschichte wesentlich bestimmenden Saxophongrößen die Magie des Lyrischen, der Weite und der Sanghaftigkeit gegenübergestellt. Aber warum gerade er eine weltweite Fangemeinde erwerben konnte wie sonst nur Rockmusiker, bleibt rational nicht ganz nachvollziehbar. Der Engländer John Surman hätte längst eine vergleichbare Zuwendung verdient. Auch seine musikalischen Expeditionen sind unspektakulär, im besten Sinne ernsthaft und intelligent, und zudem vielfältiger und abwechslungsreicher als jene seines norwegischen Kollegen. Bei jeder einzelnen Aufnahme Surmans hat man den Eindruck einer unersättlichen Neugier. Surman ist unüberhörbar ein hervorragender Kenner der Musikgeschichte, die er herbeizitiert, um mit ihr zu experimentieren, um sie für aktuelle Erforschungen unbekannter Dimensionen fruchtbar zu machen. Man hat gelegentlich darauf verwiesen, dass der Jazz mit der Barockmusik das Prinzip der Improvisation gemeinsam hat. Bei keinem Musiker scheint das so plausibel wie bei John Surman, und zwar nicht im Sinne einer simplen Anverwandlung, der oft fragwürdigen "Verjazzung" von Barockvorlagen, sondern im Sinne einer strukturellen Verwandtschaft.
John Surmans jüngste CD fällt schon durch die ungewöhnliche Besetzung auf. Zu Surman, der Sopransaxophon, Baritonsaxophon und Bassklarinette spielt, und Jack DeJohnette, der nicht nur ein weiteres Mal beweisen kann, dass keiner das Schlagzeug so kompromisslos als Melodieinstrument begreift wie er, sondern sich auch mal wieder ans Piano setzt, kommt London Brass, also ein "klassisches" Blechbläserensemble, aus dem Surman einzelne Mitglieder, allen voran den Trompeter John Barclay, zu einem erstaunlich jazzigen Ansatz animieren konnte.
Free and Equal ist eine live aufgenommene Suite, die aus neun wiederum ganz unterschiedlichen Sätzen besteht, mal hymnisch kompakt, mal mit jener Vorliebe für ungerade Taktarten, wie Surman sie seit je pflegt. Die Spannung dieses Werks entspringt maßgeblich dem Wechselspiel zwischen komponierten und improvisierten Teilen. Der Titel ist zweideutig. Er bezieht sich ausdrücklich auf die Deklaration der Menschenrechte, bezeichnet aber zugleich das Prinzip der Musik selbst, die in ihren improvisierten Passagen "frei" ist, aber Solisten und Ensemble (oder Improvisation und Komposition) "gleich" behandelt.
In einer Zeit, da die Kritik immer mehr auf Beschreibung verzichtet und nur noch an Benotung Vergnügen zu finden scheint, an plakativen Formulierungen, die sich in der Werbung zitieren lassen, zögert man, Wertungen und Empfehlungen abzugeben. Die Hemmungen seien hier überwunden: John Surmans neue CD sollte nicht versäumen, wer an differenziertem, artifiziellem, erfinderischem Jazz Interesse hat. Solche Aufnahmen gibt es nicht alle Tage.
Thomas Rothschild
John Surman: Free and Equal. ECM 1802