Beth Gibbons & Rustin Man: Out Of Season
22.02.2004
Verschönerte Luft
Außerhalb von Jahreszeiten Gefühle zu zeigen ist schon eine Kunst. Nichts jedoch wirkt hier künstlich im Sinne von leblosem Musizieren. Zarte Schwingungen verschönern die Luft, wenn Beth Gibbons singt und Rustin Man sein Keyboard streichelt. Bis in Regionen resignativer Traurigkeit entführt das Duo die Hörer, schmeichelt ihnen, schaut in ihre Gedanken und erinnert an die positiven Seiten ihrer Menschlichkeitsstruktur.
Beth Gibbons stand einst im Rampenlicht der TripHopBand Portishead aus Bristol, die mit Massive Attack und Tricky das Prinzip der Langsamkeit hochhielten. Paul Webb (Rustin Man) hingegen kommt von Talk Talk, womit er und Mark Hollis und Lee Harris in den achtziger Jahren als umjubeltes Trio für Furore sorgten. Dort lernte er dieses etwas düster angehauchte Popgebaren, das auch Beth Gibbons nicht verleugnen kann. Paul und Beth kamen zusammen, als Portishead fast an ihrem Ende angekommen war und Talk Talk sowieso. Webb schrieb am Text von Rustin Man und gemeinsam komponierten sie die meisten Stücke.
Out Of Season sperrt sich von Anfang an gegen Interpretationsversuche. Es entstand eine Musik, die sich aus den aktuellen Begriffen heraushält, konsequent aber an der Avantgardegrenze pendelt. Die Produktion gehört zur raren Spezies der Platten, die aus sich selbst heraus berühmt werden. Was daran liegt, dass Spektakel und lärmendes Ellenbogenspiel ausradiert wurden. Unverwechselbarkeit der Arrangements und in erster Linie die markante Singstimme von Beth Gibbons bestimmen die melancholische Atmosphäre.
Es ist so, als habe die ganze Welt nur auf diese Musik gewartet. Feinste akustische Passagen und das Ignorieren der Beats sprechen die Gefühlsebene an. Obwohl fast die gesamte Produktion aus zerbrechlicher Zartheit zu bestehen scheint, öffnen sich Momente großer Musik. Eingangs verbreitet Mysteries das Hörfeld vor: ein Ohrwurm, der sich in die Gehörgänge einschleicht, festzurrt und dort bleibt, bis der Rest der Stücke durchgezogen ist. Einschmeichelnder Chorgesang illustriert die dominante Stimme von Beth Gibbons, die sich als sehr wandelbar zeigt. Das kommt bei Romance gut heraus. Bei Sand River geht diese Stimme, die immer wieder wohlige Schauer erzeugt, komplett unter die Haut.
Als besonderes Plus steht die Tatsache, dass Gibbons und Webb zwar in die Samplerkiste greifen, das aber so dezent und kryptisch, dass keine störenden, überproduzierten Ergebnisse zu fürchten sind. Eine komplett runde Sache, dieses runde Silberding.
Thomas Rothschild
Beth Gibbons & Rustin Man: Out Of Season. Go Beat Records 066574-2 (Vertrieb: Polydor/Universal)