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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 17:58

 

Süverkrüps Liederjahre 1963-1985ff

22.02.2004

 



Der Kryptokommunist




 

Mitte der sechziger Jahre, als sich der Begriff „Liedermacher“ und mit ihm ein neues deutsches Genre etablierte, wurde mit Wolf Biermann und Franz Josef Degenhardt ein Dritter in einem Atemzug genannt: Dieter Süverkrüp. Der Düsseldorfer Grafiker und Jazzmusiker positionierte sich mit seinem unverwechselbaren Stil zwischen Kabarett und politischem Lied, meist einem Wolfgang Neuss oder einem Hanns Dieter Hüsch näher als der Tradition eines Ernst Busch oder eines Pete Seeger. Gelernt hatte er vom Chanson der französischen Revolution, das er in der Übersetzung von Gerd Semmer interpretierte. Später wurde die Zusammenarbeit etwa mit dem Floh de Cologne wichtig für ihn. Mit diesem ehemaligen Studentenkabarett peilte er Lehrlinge als bevorzugtes Publikum an. Das Markenzeichen Süverkrüps war die Montage. Sie kennzeichnet die Struktur von vielen seiner Lieder, die aus heterogenen Text- und Musikteilen bestehen, die unmittelbar und übergangslos - ja eben: miteinander montiert werden, sie kennzeichnet auch eins von Süverkrüps Lieblingsverfahren bei den reichlich produzierten Kalauern, die Kontamination, in der zwei Wörter zu einem neuen verschmolzen werden, etwa zu „perfideralala“, „Unterwanderstiefeln“ oder zu „agitproper“.

Süverkrüp „outete“ sich mitten im Kalten Krieg unverblümt als Kommunist. Seinerzeit konnte man sich darüber ärgern, wie kritiklos er sich gegenüber jenen kommunistischen Parteien gab, die an der Macht und weit von jenen Idealen entfernt waren, die westliche Marxisten und mit ihnen Süverkrüp anstrebten. Heute freilich, da der Kapitalismus konkurrenzlos seine Herrschaft ausübt, gibt es wenig Gründe, den Aussagen Süverkrüps von einst zu widersprechen, insbesondere seiner Kapitalismuskritik und seiner Antikriegshaltung. Wenn sein Freund Rolf Limbach nun die alten Lieder auf vier CDs erneut zugänglich macht, so erfüllt er mehr als eine bloß dokumentarische Pflicht. Manche Verse mögen mittlerweile kommentarbedürftig sein. Süverkrüp ist gebildet, seine Anspielungen und Zitate verlangen ein nicht weniger kenntnisreiches Publikum. Manches ist in Vergessenheit geraten. Wer unter den jüngeren Hörern weiß noch, was die Hallstein-Doktrin war? Wer erinnert sich noch an den Bundespräsidenten Lübke? Viele Lieder aber haben an Aktualität und Witz nichts eingebüßt. Sie sind zu „Klassikern“ des Genres geworden und heute nach wie vor hörens- und bedenkenswert. Zum Beispiel - und allen voran - Kirschen auf Sahne, aber auch die Ballade von Hans Dieckhoff, das Phrix Lied, die zeitlos komische Vision von den SPD-Taten nach dem Machtwechsel, die barock instrumentierte Satire Es ritten zwei Herren, der Vietnamzyklus, die berühmte Erschröckliche Moritat vom Kryptokommunisten, Der General, Der heilige Vater (der im Vatikan erfährt, was jeder Vati kann), Das gesunde Volksempfinden, Frauensleut oder das Lied vom Tod und das Lied vom Baggerführer Willibald, mit dem eine ganze Generation antiautoritär erzogen wurde. Sie alle findet man in einer schön ausgestatteten Box, die auch einen aktuellen Briefwechsel zwischen Süverkrüp und seinem Editor Rolf Limbach enthält. Süverkrüp hat sich in den vergangenen Jahren - warum bloß? - zurückgezogen. Es ist still um ihn geworden. Wer wissen will, welche Standards vor Verona Feldbusch oder Stefan Raab galten, muss zum Süverkrüp der Liederjahre greifen.

Und das Gedicht Der Sozialismus, Genossen? Nun ja, wir haben verstanden... Ganz so einfach ist es wohl doch nicht. Aber dafür ist Bier nötig. Sagt Brecht. Auch nicht direkt ein Klassenfeind. Und eins wüsste man schon gern: Wo sind all die Leute abgeblieben, die da so heftig applaudieren? Oder sollte der Applaus doch vielleicht ironisch gemeint gewesen sein, indem er wörtlich nahm, was Süverkrüp ironisch meinte?

Thomas Rothschild


Süverkrüps Liederjahre 1963-1985ff. Conträr 30 (Vertrieb: INDIGO 2075-2)

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