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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 18:00

 

Jazz w Polsce - Antologia/Jazz in Poland - Anthology

22.02.2004

 



Noch ist Polen nicht verloren




 

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der aus den USA stammende Jazz in Europa Fuß gefasst und eigenständige Spielarten, Künstler und Ensembles hervorgebracht, die einen internationalen Vergleich nicht fürchten mussten. Woher kommt eigentlich das pauschalisierende Gerücht, in den "sozialistischen" Ländern sei der Jazz verboten gewesen? Das ist eine glatte Geschichtsfälschung, in der das Klischee offenbar auch bei Zeitgenossen die Erinnerung erschlägt. In der Tschechoslowakei, in Ungarn, in der DDR, in Bulgarien und selbst in mehreren Republiken der Sowjetunion gab es hervorragende Jazzmusiker, die auch öffentlich auftraten und Schallplatten produzierten. In keinem westeuropäischen Land, Großbritannien und Frankreich eingeschlossen, existierte jedoch in den sechziger Jahren eine lebhaftere Jazzszene als in Polen. Es war die Zeit, als auch der polnische Film mit Regisseuren wie Andrzej Wajda, Andrzej Munk, Jerzy Kawalerowicz oder Roman Polanski internationale Beachtung erfuhr, die Filmschule in Lódz allenfalls die römische Konkurrenz und später die der Prager Filmmacherschmiede FAMU ernst nehmen musste, und der früh verstorbene Zbigniew Cybulski als James Dean des Ostens verehrt wurde. Dass der polnische Jazz niemals ausgestorben ist, dass auch die Aufnahmen von damals heute noch von aufregender Schönheit sind, belegt eine Box mit sechs CDs, die der Polnische Rundfunk herausgebracht hat.

Das Spektrum reicht vom Dixieland bis zum Free Jazz und zum Jazzrock, von Combos bis zu Big Bands. Standards und Originalkompositionen halten sich die Waage. Zu den Leckerbissen gehören jene Titel, die folkloristisches Material verjazzen. Aus der Vielzahl grandioser Solisten und Bandleader seien nur ein paar erwähnt: die Saxophonisten Zbigniew Namyslowski, Jan "Ptaszyn" Wróblewski, Zbigniew Seifert und Wojciech Karolak, der Saxophonist und stilbildende Geiger Michal Urbaniak, die Trompeter Tomasz Stanko und Piotr Wojtasik, der Pianist Andrzej Trzaskowski (sprich: Andschej Tschaskowski), die Bassisten Roman Dylag und Janusz Stefanski, die Schlagzeuger Czeslaw Bartkowski und Andrzej Dabrowski, die Sängerinnen Urszula Dudziak und Ewa Bem, die Novi Singers - das polnische Pendant zu den Swingle Singers - und allen voran der geniale Krzysztof (sprich: Kschyschtof) Komeda, Pianist, Komponist und wichtiger Mitarbeiter zahlreicher Filme, etwa von Roman Polanski.

Und wie kommt man nun an diese Box? Vielleicht findet sich ja ein Importdienst, der auch mal zu unseren östlichen Nachbarn hinüberblickt. Bis dahin: wie wär's mit einem Wochenendausflug nach Warschau oder Krakau? Der lohnt sich auch so, und manche Plattenläden haben sonntags geöffnet. Man kann es aber auch unter der e-mail-Adresse chopin@radio.com.pl versuchen. Die Box kostet 165 Zloty, das sind rund 42 Euro, also 7 Euro pro CD. Fast acht Stunden ungeschmälerter Hörgenuss: das ist nicht zu teuer bezahlt. Das Beiheft mit einem kurzen historischen Abriss und den Angaben der Besetzungen und der ursprünglichen Veröffentlichungsjahre ist zweisprachig - polnisch und englisch - abgefasst.

Thomas Rothschild


Jazz w Polsce - Antologia/Jazz in Poland - Anthology. PRCD 271-276 (Polskie Radio SA, Biuro Reklamy i Fonografii, Al. Niepodleglosci 77/85, PL-00-977 Warszawa)

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