Sinéad OConnor: Sean-Nós Nua
22.02.2004
Niemand lässt sich mit ihr vergleichen
Es gibt in der Rockgeschichte einige wenige Coverversionen, die die Originale in den Schatten gestellt haben, erfolgreicher wurden als jene. Joe Cockers Variante von With A Little Help Of My Friends gehört dazu, Janis Joplins Interpretation von Kris Kristofferson oder auch Sinéad O'Connors Version von Nothing Compares 2U. Als diese Aufnahme vor dreizehn Jahren an allen Ecken aus den Lautsprechern dröhnte, horchte auch auf, wer die Originalversion von Prince nicht beachtet hatte. Auf einmal kannte jeder den merkwürdig geschriebenen und schwer aussprechbaren Namen der irischen Sängerin. Dann rutschte sie bald in die Klatschspalten. Wieder einmal interessierten Details aus dem Leben und skurrile Statements mehr als die Musik. Das hat der Künstlerin nicht gut getan.
Dass Sinéad O'Connor eine begnadete Musikerin ist, die keine Personality Stories benötigt, um auf sich aufmerksam zu machen, kann sie nun mit ihrer jüngsten CD mit dem keltischen Titel Sean-Nós Nua belegen. Er weist darauf hin, dass Sinéad O'Connor - vorübergehend? - zu ihren irischen Ursprüngen zurückgekehrt ist. Die Texte werden allerdings mit zwei Ausnahmen in englischer Sprache gesungen.
Sinéad O'Connor verfügt über eine ungewöhnlich wandlungsfähige Stimme, über ganz unterschiedliche Register. (Es ist ja gerade der atemberaubende Registerwechsel, was ihre Fassung von Nothing Compares 2U im Gedächtnis und im Ohr bewahrt.) Mal haucht sie einen Song, dann arbeitet sie mit Kraft und Nachdruck. Darüber hinaus aber macht sie aus jedem Song ein kleines Kunstwerk. Mit Respekt vor der Tradition, aber ohne musealen Purismus bemüht sie sich um eigenwillige Interpretationen, zu denen die vorzüglichen Begleitarrangements beitragen. Auch sie lassen folkloristische Assoziationen anklingen, sind aber modern und nichts weniger als schlicht. Der Titel der CD heißt auf deutsch: "Alter Stil - neu". So hat man den Eindruck, die hundertfach aufgeführte Ballade von Dublins Muschelverkäuferin Molly Malone das erste Mal zu hören. Auf den Punkt wird das Titel-Motto gebracht, wenn Sinéad O'Connor Lord Baker im Duett mit Christy Moore singt, elfeinhalb Minuten lang und untermalt von magisch gedehnten Akkorden, die einen den Atem anhalten lassen. Auch wo Sinéad O'Connor elegisch wird, verzichtet sie auf dick aufgetragene Sentimentalität, wie sie sich auf der anderen Seite dem Klischee besoffener Fröhlichkeit verweigert, das einige mit irischer Musik verbinden. Suchte man nach einer knappen Charakterisierung, müsste man eher von Ernsthaftigkeit sprechen, die Sinéad O'Connors Zugang zu den Songs prägt.
Das Material der CD ist intelligent zusammengestellt, vielfältig und abwechslungsreich. Mehrere Titel gehören zum üblichen Repertoire von Irish Folk, einige wurden auch schon in zeitgenössische Gewänder des Rock und des Jazz gekleidet, aber Sinéad O'Connor hat sie sich und ihrer Eigenart einverleibt. So dürfte diese CD sowohl Irland-Freaks, wie auch Freunde einer sensiblen, melodiösen Rockmusik erfreuen.
Thomas Rothschild
Sinéad O'Connor: Sean-Nós Nua. Roadrunner RR 672