Atahualpa Yupanqui: La paloma enamorada
22.02.2004
Die Stimme Lateinamerikas
Der überwältigende Erfolg, den der Buena Vista Social Club und mit ihm der kubanische Son, Ry Cooder und Wim Wenders sei Dank, in den USA und in Europa erringen konnten, ließ in Vergessenheit geraten, dass es in Lateinamerika eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Stilrichtungen des Lieds und des Tanzes gibt. Zu den überragenden Gestalten der südamerikanischen Musik gehört der argentinische Indio Atahualpa Yupanqui. Praktisch alle Sänger und Gruppen des neuen lateinamerikanischen Liedes von Violeta Parra und Victor Jara über Inti Illimani und Quilapayun bis Patricio Manns und Daniel Viglietti sind ohne ihn kaum denkbar.
Atahualpa Yupanqui war ein begnadeter Komponist, ein beachtenswerter Dichter, ein charismatischer Sänger und ein Virtuose der Gitarre. Seine Kunst ist tief in der Tradition seines Kontinents verwurzelt. Zwischen seiner Sammlertätigkeit, die jener von Alan Lomax im nördlichen, den Namen so oft für sich allein in Anspruch nehmenden Amerika vergleichbar ist, und seiner eigenschöpferischen Tätigkeit gibt es keine strenge Scheidungslinie. Er hat stets überliefertes Material aufgearbeitet und interpretiert und eigene Lieder, die aus dessen Geist entstanden waren, hinzugefügt. Einer seiner bekanntesten Titel, das sozialkritische Wiegenlied Duerme negrito, ist von Yupanqui arrangierte Folklore, die längst wahrgenommen wird, als hätte er sie erst erfunden. Anonymes Material wird da mit einem Interpreten identifiziert, wie umgekehrt Lieder Yupanquis zu anonymer Folklore wurden.
Atahualpa Yupanqui belegt die eigenständige Ästhetik von Musiktraditionen, die von unten kommen. Anders als die Oper, erfordern sie nicht unbedingt "große Stimmen". Es ist gerade die Intimität, das Fehlen von Tremolo und Belcanto, was den Reiz von Yupanquis Gesang ausmacht. Seine raue, fast monotone Stimme ergänzt ideal den Klang der unverstärkten Konzertgitarre (also jenes Instruments, das man heute oft "akustisch" nennt, als gäbe es keine Akustik, wo Elektrizität ins Spiel kommt...).
Der Dortmunder Verlag "pläne", der sich historische Verdienste erworben hat um die Pflege politisch engagierter Musik aus aller Welt, hat Atahualpa Yupanquis "Köln Concert" von 1977 nunmehr als CD erneut auf den Markt gebracht. Bei dieser Live-Aufnahme, in der Yupanqui seine Titel (auf Spanisch) ansagt und kommentiert, überwiegen die Instrumentalstücke. Wer die Gitarre eines Segovia oder eines Yepes nicht weniger liebt als die eines Clapton oder des erwähnten Ry Cooder, der wird hier eine Vermittlung entdecken, den Sound der klassischen Gitarre und den Schwung der Populärmusik. Ein Vierteljahrhundert hat die Aufnahme auf dem Buckel. Doch sie ist kein bisschen veraltet.
Thomas Rothschild
Atahualpa Yupanqui: La paloma enamorada. pläne 88875