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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 18:03

 

Stephan Paryla: Hur & Moll. Lieder nach der Sperrstund

22.02.2004

 



Plebejische Sauereien




 

Die Zote gehört zur plebejischen Folklore wie das Belcanto zur italienischen Oper. Was eine repressive Sexualmoral verbot, wurde umso lustvoller ausgesprochen, mal spielerisch verschlüsselt, mal in kruder Direktheit. Was eine promiske Aristokratie lebte, eine verklemmte Bourgeoisie verpönte, wurde bei den verschmähten "unteren Schichten" zum Spott, zur täuschenden, weil die wahren Machtverhältnisse nie gefährdenden Rebellion gegen jene, die mit Doppelmoral ihre Herrschaft zu festigen verstanden. Hinter deren Verachtung für das "Ordinäre" verbirgt sich die allgemeinere Verachtung für eine eigenständige, widerständige Kultur der Ungebildeten.

Immer wieder beliebt sind jene Strophenlieder, in denen ein Reimwort ausgelassen und abgeändert oder in anderem Kontext an den Anfang eines neuen Verses gesetzt wird - eine Technik, die man, freilich ohne die obszöne Bedeutung, bereits im Barock kannte: "Am Tag, da tuat er kegeln/ Auf'd Nacht da geht er -/ Vögel zwitschern in der Luft..." Oder: "Schatz, du wirst begreifen/ seit einer Stund' steh i mit'n -/ Steifen Kragen in dera Hitz'". Oder eben: "Den Ferdl und den Rudl,/ den packt sie an der-/ Nummero Vier im Hochparterre..."

Der Witz der knappen Vierzeiler, die ohne Umschweife zur Sache kommen, lebt oft von der Drastik, die bis ins Absurde geht: "I gib da mei Nudl/ Mein Beutl dazua./ Wann dei Fut des alles frißt,/ Hat's ihr Lebetag gnua." Man muss kein Dialektforscher sein, um die Herkunft dieser Verse zu erkennen. Sie stammen aus Wien, aus dem frühen 19. Jahrhundert, aus der Welt der Mutzenbacherin. Nicht immer sind sie komisch. Sarkastisch heißt es im Hetärenlied: "Vergiß mein nicht, wenn er vor Schmerzen sinket,/ Und dich nach keinem Fick in Jahr und Tag begehrt".

Diese Bänkellieder und Schnadahüpfln aus der Vorstadt erzählen von Prostitution und von Syphilis, von erzwungener Ehe mit alten, impotenten Männern und von purer Lüsternheit. Sie zeugen von katastrophalen Wohnverhältnissen und von Ausbeutung. Stephan Paryla, einer der schauspielernden Söhne von Karl Paryla und Hortense Raky, hat daraus einen Liederabend gemacht, der auch auf CD vorliegt. Paryla spielt zum Gesang die Kontragitarre und lässt sich von einem Trio begleiten. Auch musikalisch ist Wien präsent, sind die Schrammeln nicht fern. Und das ist, über den volkskundlichen und kulturgeschichtlichen Wert hinaus, durchaus vergnüglich anzuhören. Es ist die Grundlage, auf der auch das Wiener Volksstück und dessen ungeschlagener Meister Johann Nepomuk Nestroy, dessen Rollen Karl Paryla wie kaum ein zweiter mit Leben erfüllt hat, aufgebaut haben.

Das informative Beiheft erzählt die Geschichte des Spittelbergs, des ehemaligen Hurenviertels vor den Stadttoren der alten, 1862 geschliffenen Wiener Befestigungsmauern, von wo die hier vorgetragenen Lieder stammen, wo sie jedenfalls gesungen wurden. Den vor einigen Jahren geplanten Abriss dieses Stadtteils konnte man verhindern, die Sanierung nicht. Dass dort jetzt in schicken Beiseln eine modebewusste Jugend die Sommerabende genießt, war unaufhaltsam. An die Huren vom Spittelberg erinnern nur noch die Liedervorträge von Stephan Paryla.

Thomas Rothschild


Stephan Paryla: Hur & Moll. Lieder nach der Sperrstund'. Extraplatte EX-425-2 (Postfach 2, A-1094 Wien. info@extraplatte.at)

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