Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Mittwoch, 23. Mai 2012 | 18:03

 

Das Lied der Moorsoldaten 1933 bis 2000

22.02.2004

 



Die Moorsoldaten




 

Das Bild von den singenden und tanzenden Juden, die sich trotz Hunger und Elend, trotz Diskriminierung und Pogrom nicht unterkriegen lassen, ist ein sentimentales Klischee, tröstlich eher für die (potentiellen) Verfolger als für deren Opfer. Aber es wurde in den Konzentrationslagern tatsächlich musiziert und gesungen. Und es entstanden dort Gedichte und Lieder. Der Österreicher Jura Soyfer zum Beispiel hat ein Dachaulied geschrieben, in dem und über das KZ, in dem er selbst umgebracht wurde.

Das bekannteste Lied aus einem KZ und über dessen Alltag sind Die Moorsoldaten. Eine vorbildlich ausgestattete Box mit zwei CDs und einem umfangreichen Beiheft, das mit seinem Charakter einer Monographie weit über die üblichen Notizen zu CDs hinausgeht, vereint nun nicht weniger als 32 Versionen dieses Lieds aus dem KZ Börgermoor sowie Auskünfte dazu, aufgenommen zwischen 1937 und 1999. Neben bekannten deutschen Sängern und Liedermachern wie Ernst Busch oder Hein und Oss Kröher findet man da namhafte politisch engagierte Künstler aus aller Welt wie Paul Robeson, Pete Seeger, Perry Friedman, Pi de la Serra, aber auch überraschende Bearbeitungen, etwa von der Radio Jazz Group Stuttgart oder der Kölner Saxophon Mafia, oder neudeutsche Popaußenseiter wie Welle: Erdball, Die Einsamen Stinktiere oder Die Schnitter. Auf unorthodoxe Interpretationen, die offenbar der Sakralisierung des bekannten Liedes entgehen wollen, ohne es deshalb aufzugeben, möchte man sich gerne einlassen. Musste man aber von Hannes Wader wirklich jene Live-Aufnahme wählen, auf der das Publikum rhythmisch mitklatscht, als handelte es sich um ein Schunkellied beim Oktoberfest?

Wie es sich um die zwei bestehenden musikalischen Fassungen verhält und wie das bereits 1933 entstandene Lied in den Jahren des Nationalsozialismus international Verbreitung fand, erfährt man aus einem Gespräch mit dem Komponisten Rudi Goguel aus dem Jahr 1974. Er nennt übrigens erstaunlicherweise Pete Seeger als seinen Lieblingsinterpreten, obwohl dieser die von Hanns Eisler niedergeschriebene "falsche" Version singt. Die Melodie der Moorsoldaten mit ihrem Moll-Dur-Übergang ist, in beiden Fassungen, ein ganz großer Wurf. Das mag zur Beliebtheit dieses Lieds beigetragen haben. Aber wer es in sein Repertoire aufnimmt, legt damit auch ein Bekenntnis ab. Die berechtigte Scheu vor falschem Pathos hat das "Niemals vergessen!" der Nachkriegszeit allmählich selbst in Vergessenheit geraten lassen. Die vorliegende Box leistet da Widerstand. Ob freilich die Zuversicht berechtigt war, die die letzte Strophe ausdrückt: "Einmal werden froh wir sagen: Heimat, du bist wieder mein"? Die das KZ überlebten, mussten zusehen, wie es doch wieder eher die Heimat ihrer Folterer wurde.

Thomas Rothschild


Das Lied der Moorsoldaten. 1933 bis 2000. DIZ CD002 (Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager, Postfach 1132, 26851 Papenburg.
mail@diz-emslandlager.de
).
http://www.diz-papenburg.de/cd02.htm

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Verstaubt ohne Ende

Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...

No sleep till Pixel

Auf einem gewissen Panel der diesjährigen re:publica lief RUDOLF INDERST dem Berliner Dennis Liebzeit ...

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

»Scheißwald, Scheißnatur, ey!«

Leicht grenzwertig diesmal, möchte man meinen. Setzt das gewöhnliche Schema von Mord, Aufklärung, Festnahme etwa Schimmel an? Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) geht dem Hinweis auf ...