Das Bild von den singenden und tanzenden Juden, die sich trotz Hunger und Elend, trotz Diskriminierung und Pogrom nicht unterkriegen lassen, ist ein sentimentales Klischee, tröstlich eher für die (potentiellen) Verfolger als für deren Opfer. Aber es wurde in den Konzentrationslagern tatsächlich musiziert und gesungen. Und es entstanden dort Gedichte und Lieder. Der Österreicher Jura Soyfer zum Beispiel hat ein Dachaulied geschrieben, in dem und über das KZ, in dem er selbst umgebracht wurde.
Das bekannteste Lied aus einem KZ und über dessen Alltag sind
Die Moorsoldaten. Eine vorbildlich ausgestattete Box mit zwei CDs und einem umfangreichen Beiheft, das mit seinem Charakter einer Monographie weit über die üblichen Notizen zu CDs hinausgeht, vereint nun nicht weniger als 32 Versionen dieses Lieds aus dem KZ Börgermoor sowie Auskünfte dazu, aufgenommen zwischen 1937 und 1999. Neben bekannten deutschen Sängern und Liedermachern wie Ernst Busch oder Hein und Oss Kröher findet man da namhafte politisch engagierte Künstler aus aller Welt wie Paul Robeson, Pete Seeger, Perry Friedman, Pi de la Serra, aber auch überraschende Bearbeitungen, etwa von der Radio Jazz Group Stuttgart oder der Kölner Saxophon Mafia, oder neudeutsche Popaußenseiter wie Welle: Erdball, Die Einsamen Stinktiere oder Die Schnitter. Auf unorthodoxe Interpretationen, die offenbar der Sakralisierung des bekannten Liedes entgehen wollen, ohne es deshalb aufzugeben, möchte man sich gerne einlassen. Musste man aber von Hannes Wader wirklich jene Live-Aufnahme wählen, auf der das Publikum rhythmisch mitklatscht, als handelte es sich um ein Schunkellied beim Oktoberfest?
Wie es sich um die zwei bestehenden musikalischen Fassungen verhält und wie das bereits 1933 entstandene Lied in den Jahren des Nationalsozialismus international Verbreitung fand, erfährt man aus einem Gespräch mit dem Komponisten Rudi Goguel aus dem Jahr 1974. Er nennt übrigens erstaunlicherweise Pete Seeger als seinen Lieblingsinterpreten, obwohl dieser die von Hanns Eisler niedergeschriebene "falsche" Version singt. Die Melodie der
Moorsoldaten mit ihrem Moll-Dur-Übergang ist, in beiden Fassungen, ein ganz großer Wurf. Das mag zur Beliebtheit dieses Lieds beigetragen haben. Aber wer es in sein Repertoire aufnimmt, legt damit auch ein Bekenntnis ab. Die berechtigte Scheu vor falschem Pathos hat das "Niemals vergessen!" der Nachkriegszeit allmählich selbst in Vergessenheit geraten lassen. Die vorliegende Box leistet da Widerstand. Ob freilich die Zuversicht berechtigt war, die die letzte Strophe ausdrückt: "Einmal werden froh wir sagen: Heimat, du bist wieder mein"? Die das KZ überlebten, mussten zusehen, wie es doch wieder eher die Heimat ihrer Folterer wurde.
Thomas Rothschild
Das Lied der Moorsoldaten. 1933 bis 2000. DIZ CD002 (Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager, Postfach 1132, 26851 Papenburg.
mail@diz-emslandlager.de).
http://www.diz-papenburg.de/cd02.htm