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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 18:04

 

Keith Jarrett/Gary Peacock/Jack DeJohnette: Always Let Me Go

22.02.2004

 



Keith Jarrett und ECM




 

Es gibt einige wenige bedeutende Produzenten und Labels, die in der nun bereits mehr als hundertjährigen Jazzgeschichte Weichen gestellt haben. Manfred Eicher und ECM gehören dazu. Sie haben einen Qualitätsstandard und eine Musikauffassung geprägt, die zuvor ebenso selten waren, wie sie uns mittlerweile normal erscheinen. Man kann das Programm von ECM mögen, man kann es ablehnen, nur eins kann man nicht: sich darüber im Unklaren sein. Seit mehr als drei Jahrzehnten bildet es nun bereits eine Konstante im wechselvollen Spiel der Beliebigkeiten, der kurzatmigen Moden. Erinnern wir uns zurück, welche Plattenfirmen um 1970 Furore machten. Welche davon haben überlebt? Welche konnten ihr Profil bewahren, sich treu bleiben?

In einer öffentlichen Diskussion bekannte Manfred Eicher einmal, er habe versucht, sein Zentrum zu finden zwischen Schubert und Miles Davis, zwischen denen für ihn am Anfang seiner musikalischen Sozialisation ein beunruhigender Abgrund zu klaffen schien. Er bevorzuge Musik, die mit "Gesanglichkeit" zu tun habe. Es gehört zu den Arbeitsprinzipien Eichers, dass er die wachsende, aber immer noch überschaubare Gemeinde der Musiker, mit denen er schöpferischen Austausch betreibt, in stets neuen Ensembles kombiniert, intuitiv vorausahnend, dass aus der Begegnung just dieser oder jener Künstler etwas aufregend Neues entstehen könnte. Nicht zuletzt in der phantasievollen Zusammenstellung solcher Formationen, die ja dem Medium der Schallplatte adäquat ist, dokumentiert sich Eichers mittlerweile oft kopierte, aber dennoch unverwechselbare Handschrift.

Kennzeichnend für Manfred Eicher ist auch seine Treue zu Künstlern, die er schätzt und in vielen Fällen erst entdeckt und der Öffentlichkeit zugeführt hat. Das ist in Zeiten des raschen Umsatzes und der missachteten Loyalitäten keineswegs selbstverständlich. Übrigens auch in umgekehrter Richtung. Man kennt Musiker oder Schriftsteller, die, kaum haben sie Erfolg, den kleinen Firmen und Verlagen, die ihnen zunächst eine Chance geboten haben, zugunsten größerer Unternehmen den Rücken kehren. Sie ahnen nicht, wie schnell diese sie fallen lassen werden, wenn sich der Erfolg als vergänglich erweist.

Die spektakulärste Entdeckung Eichers war wohl Keith Jarrett, und dessen Soloimprovisationen gehören gewiss zu den in vieler Hinsicht außergewöhnlichsten Veröffentlichungen nicht nur von ECM, sondern der Plattengeschichte überhaupt. Was aber an Jarrett am meisten verblüfft, ist seine chamäleonhafte Verwandlungsfähigkeit. Kein anderer Pianist ist in so vielen Stilrichtungen des Jazz wie der "Klassik" nicht nur daheim, sondern erstklassig. Verbindend scheint da nur Jarretts unverwechselbarer Anschlag. Nach einer längeren Krankheit, die ihm das Spielen erschwerte, hat Jarrett nun wieder ein Live-Album mit 2 CDs aufgenommen, im bewährten Trio mit Gary Peacock am Bass und Jack DeJohnette am Schlagzeug. Alle acht Titel stammen von Jarrett bzw. von dem Trio, aber sie knüpfen unverkennbar an jene Standards an, die der Pianist immer wieder pflegt. Will sagen: hier kommt der Bebop der introvertierten Sorte zu seinem Recht und wirkt kein bisschen überholt. Anders als der Traditional Jazz - New Orleans und Dixieland -, der steril geworden ist und allenfalls als Stimmungsmusik für Frühschoppen taugt, hat der ebenfalls angejahrte Bebop seine Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft. Der unbekümmerte Umgang mit Improvisation und Arrangement, mit Tonalität und atonalen Ausreißern eröffnet Perspektiven, die dem Free Jazz in seiner bisweiligen Dogmatik abhanden gekommen sind. Der Bebop schafft wie keine andere Richtung des Jazz einen Ausgleich zwischen scheinbarem Chaos und Vorhersehbarkeit. Jarrett, Peacock und DeJohnette beteiligen den Zuhörer an der Verfertigung von Tönen beim Spielen, an der kontinuierlichen Entstehung von Musik, deren Logik zwingend, deren Ausführung aber zugleich spannend ist.

So werden in der gut sechzehnminütigen kollektiven Improvisation Tributaries mit minimalistischen Mitteln die afroamerikanischen Wurzeln des Jazz und des Blues beschworen, und man mag zurückdenken an den Art Blakey der fünfziger Jahre und an Max Roach, wenn Jack DeJohnette sein längst legendäres musikalisches Schlagzeug einbringt, in das Jarrett und Peacock wiederum zart und sensibel einstimmen, ehe das Publikum wagt, die Stille durch Applaus zu durchbrechen. Und gleich darauf Jarretts Paradox, das, wie Tsunami, auf Miles Davis zurückzuverweisen scheint, während der rhythmisch komplexe Abschluss und Höhepunkt des Sets Relay an Thelonious Monk erinnert. In den mehr als halbstündigen Waves von Jarrett wiederum entwickelt sich aus einer lyrisch-balladesken Einleitung ein übermütiges Wechselspiel der drei Musiker, synkopisch und vorandrängend. Ein eingebautes Solo von DeJohnette hat nichts gemein mit den Egotrips mancher Schlagzeuger, sondern fügt sich bruchlos in die Gesamtkonzeption. Und wenn Jarrett unwillkürlich (?) dazwischenschreit, wirkt das nicht wie eine "Rauschen im Kanal", sondern wie ein unverzichtbarer Bestandteil der Musik.

Ein Solo, das mit dem Schlagzeug umgeht, als wäre es ein Instrument mit genau bestimmbaren Tonhöhen, eröffnet auch die Kollektivimprovisation Facing East. Offenbar davon angeregt, lässt Jarrett, begleitet von Peacocks Bass, eine schlichte Melodie entstehen, die nach und nach, rondoartig, verziert und erweitert wird. So sehr weit ist man da von Bach nicht entfernt, den Jarrett gründlich studiert hat, auch wenn der Titel vielleicht eher nach Indien weist.

Thomas Rothschild


Keith Jarrett/Gary Peacock/Jack DeJohnette: Always Let Me Go
ECM 1800/01

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