Schwule Lieder
22.02.2004
well-made songs
Machen wir uns nichts vor: bis weit in die herrschenden Schichten unserer Gesellschaft hinein bestehen unverändert Vorurteile gegenüber Homosexuellen, nicht anders als gegenüber Juden, "Zigeunern" oder Behinderten. Die Diskriminierung jener Gruppen, die unter den Nazis in die KZs gesteckt und vernichtet wurden, hat auch nach 1945 nicht aufgehört. In vielen gesellschaftlichen Bereichen haben Angehörige dieser Gruppen bis heute nicht die gleichen Chancen wie andere. Aber im postfeministischen öffentlichen Bewusstsein ist kein Platz für die Tatsache, dass im 20. Jahrhundert nicht das Geschlecht dafür ausschlaggebend war, ob man zu den Verfolgten oder den Verfolgern, zu den Denunzierten oder den Denunzianten, zu den Ermordeten oder den Mördern gehörte. Die Belege sind Legion. Schon Bernhard Schlink konnte die Welt davon überzeugen, dass KZ-Aufseherinnen eigentlich Opfer waren, und auch Sandra Maischberger sieht, wie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - freilich ohne jegliche Folgen - dokumentiert, zwischen dem Opferstatus einer Marlene Dietrich und jenem einer Leni Riefenstahl keinen Unterschied. Von irgendwelchen Quoten oder Förderplänen für Homosexuelle, Juden, Roma oder Sinti ist jedenfalls nie die Rede, und was die Behinderten angeht, scheinen die sie begünstigenden Vorschriften nur erlassen worden zu sein, um umgangen zu werden.
Immerhin kann, wer die nötige Courage besitzt und Konfliktbereitschaft gegenüber der latenten Verachtung, sich heute öffentlich als Homosexueller bekennen, ohne Strafverfolgung befürchten zu müssen - unter Künstlern oder auf Ibiza leichter als unter Bankangestellten und in einem niederbayrischen Dorf. Solidarität seitens Nicht-Homosexueller blieb stets die Ausnahme. Wer darauf verzichtete, aus Gründen der bloßen Menschenrechte gegen den Paragraphen 175 zu protestieren, hatte oft - darin Opfer seiner eigenen unbewussten Vorurteile - Angst, selbst als homosexuell zu gelten. Es ist ja kaum anzunehmen, dass sich der Anteil der homosexuellen Frauen und Männer an der Gesamtbevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend geändert hat. Wenn man also zuvor so wenig von ihnen bemerkt hatte, so nur deshalb, weil sie ihre Neigung verheimlichen mussten. Wo sie sich, etwa in Schlagern oder Kabarettsongs, doch dazu bekannten, taten sie es meist entweder vor Eingeweihten hinter verschlossenen Türen oder in verschlüsselter Weise.
Auf Bear Family Records ist jetzt eine vorbildlich ausgestattete Sammlung von "schwulen" Aufnahmen aus den Jahren 1900 bis 1936 erschienen - als Teil 1, der auf einen oder mehrere folgende Teile schließen lässt. Manchmal sind die "Stellen" unüberhörbar, manchmal sind sie eher versteckt. Nicht immer ist erkennbar, wo das durchaus gefährliche Bekenntnis aufhört und die (Selbst?-)Ironie beginnt, etwa in der hier vorgetragenen dritten Strophe von Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn. Diese Ambivalenz konnte naturgemäß auch als Schutz dienen. Das Wort "outen" ist neueren Datums.
In manchen Songs taucht das Thema nur als Reizwort auf. Gleich in drei Versionen ist Das Lila Lied vertreten, die "heimliche Hymne" der Homosexuellen jener Jahre. Sie könnte Anlass sein, darüber nachzusinnen, ob es eine spezifische "schwule" Ästhetik gibt, genauer: woran es liegt, dass bestimmte Titel, bestimmte Künstlerinnen und Künstler - übrigens aus dem "Klassik"- ebenso wie aus dem U-Bereich - unter Homosexuellen Kultstatus genießen, und zwar unabhängig von verbalisierten Inhalten oder von der sexuellen Ausrichtung der Bewunderten. Formal gehören fast alle hier dokumentierten Aufnahmen in den Umkreis der Kleinkunst aus der Weimarer Republik. Im englischen Theater spricht von "well-made plays". Hier könnte man, analog, von "well-made songs" sprechen, die sich insbesondere durch witzige Reime und pointierte Refrains auszeichnen. Daran Spaß zu haben, muss man nicht schwul sein.
Thomas Rothschild
Wir sind, wie wir sind! Homosexualität auf Schallplatte, Teil 1. Aufnahmen 1900 bis 1936. Bear Family BCD 16055 AS. Veröffentlichung: 2. Oktober 2002.
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