Eines ist klar: Man lebt in keiner Blümchenwelt, wenn man Texte wie diese singt: „Ich will hier nicht stehn./ Ich will auch nicht hörn./ Ich will auch nicht mehr./ Ich will auch nicht wieder./ Ich weiß auch, warum./ Hier gibt’s nichts zu holn./ Hier pass ich nicht mehr.“ Spätestens seit Ende der 70er ist Punk tot. Aber in unregelmäßigen Abständen gewinnt er sich immer wieder ein Terrain, das er, wenn es nicht bereits völlig zerstört ist, ordentlich abreißen kann. Das hat vielleicht mit Schlagworten wie Krisenkapitalismus zu tun, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hängt es mit ehemals rußverhangener Luft zusammen oder mit unvermindert reparaturbedürftigen Stadtstraßen. Alles egal. Letztendlich geht es Safi nur um eines: Ausdruck. Ausdruck als Gegenpol zu allem, was von außen kommt, als der Ausgangspunkt innerer Freiheit. Das mag sich dämlich anhören. Nichts anderes aber ist Punk.
Nichts Campinoeskes
Die von Safi verbreitete Dampfwalzen-Ästhetik hat jedoch definitiv nichts mit dem zu tun, was der gemeine deutsche Popkonsument unter Punk zu verstehen gewohnt ist. Alles Campinoeske bleibt weit entfernt, kein Urlaub in der Tiefflugschneise in Sicht. Gitarre, Bass, Schlagzeug, ein paar produktionstechnische Elektrofitzeleien – mehr braucht es nicht, um den donnergewebten Teppich für die Stimme von Frontfrau (wobei der Ausdruck hier endlich einmal passt) Safi zu knüpfen. Manches Mal schon wurde die Zerbrechlichkeit ihrer Erscheinung hervorgehoben, mit dem Erstaunen, dass man solch einem Persönchen niemals so eine Stimme, das heißt so eine Gewalt in der Stimme zugetraut hätte. Nun ist diese Stimme nicht mehr bloß auf verdüsterten AJZ-Bühnen, sondern auch auf Platte erlebbar, und man darf feststellen, dass sie keinen Deut an Intensität verloren hat.
Man merkt Herkunft
Das Beglückende ist, dass sich die Intensität von „Kalt“, einer Platte, die gleichzeitig als Eisblock und brodelnder Erdkern funktioniert, zu keinem Zeitpunkt aus Äußerlichkeiten speist. Die Last eines Moses Schneider, seines Zeichens – laut Labelinfo – „Starproduzent“, der unter anderem seine Finger bei Tocotronic und Kettcar an den Reglern hatte, merkt man der Spielwut der Band (die gleichsam eine enthedonisierte Spiellust ist) kaum an. Vielleicht aber merkt man ihr so etwas wie Herkunft an; kein beliebtes Wort im weltumspannenden und sich selbst als Ausbund von idealisiertem Weltbürgertum und Savoir Vivre begreifenden Popkosmos. Manches Mal blitzt jedoch aus Safis Singstimme, vor allem in den tieferen Lagen, eine Ahnung der frühen Nina Hagen heraus. Normalerweise ein Totschlagargument, hier passt dieser Anklang seltsam harmonisch ins Bild. Herkunft bedeutet, bezogen auf Safi, nicht die Abstammung und die Abhängigkeit von einem geographischen Ort. Dabei wäre es ein Leichtes, Leipzig, die apostrophierte „Heldenstadt“, als Werbeslogan ins Feld zu führen, denn bekanntlich ist ja schon seit Längerem der Wilde Osten der frühere Wilde Westen und somit das Mekka aller Gold- und Novitätensucher. Doch wir lauschen hier nicht der Neo-Ossifizierung des Punk, sondern seiner trotzigen Erkenntnis über die Austauschbarkeit von Orten und Zeiten. Wir lauschen einer Musik, die es scheinbar immer und überall schon gegeben hat. Eine Platte wie ein langgezogener störrischer Atemzug.