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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 09:07

Annuals: Count the Rings

12.08.2010

Wie eine warme Decke

Experimentell und Pop sind zwei Kategorien, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen sollten. Warum sich die Band Annuals mit ihrem Album "Count the Rings" diese Prädikate dennoch zu Recht gemeinsam an ihre Brust heften darf. Von DANIEL WÜLLNER.

 

Im Zeitalter der Digitalisierung muss alles einen Wert haben, eine Eins oder eine Null. Entweder ist es das eine, und wenn es das nicht sein sollte, dann muss es notgedrungen das andere sein. Der Ausbruch aus diesem binären System glückt meist nur solange, bis die widerspenstige Form mit einem neuen Begriff gezähmt und wieder in die Matrix integriert wird. Die sechs Bandmitglieder von Annuals verweben mit ihrem zweiten Album – bestehend aus B-Sides und bisher in Europa unveröffentlichten Songs – Altbekanntes mit kleinen elektronischen Ungereimtheiten.

 

Heimeliges Klangkonstrukt

Draußen im schummrigen Licht krächzen Hexenstimmen drei Mal den Titel der Singleauskopplung "Eyes in the Darkness" und verstummen dann wieder, nur um einem versöhnlichen, hellen Beat und der sanften Stimme von Adam Baker den Weg freizumachen. Seine immer wiederkehrende Intonation des Titels klingt auf einmal gar nicht mehr fremdartig verzerrt, täuscht aber auch nicht darüber hinweg, dass die Welt dort draußen bedrohlich bleibt. Versöhnnlich gibt er das Versprechen durch die Dunkelheit zu leiten: "Just take my call". Der Rhythmus erzeugt dabei ein beruhigendes Gefühl, in welches die Band zum Einwickeln einlädt, bevor die verzerrten Stimmen der Hexen den Song wieder beschließen.

Der Grundstoff dieses Geflecht besteht aus traditionellen Folksongs, mit ihren akustischen Gitarren und seinen sanften Pianoeinlagen. In unregelmäßigen Abständen wird das Gewebe von Silberfäden durchzogen, die aus elektronischen Synthesizerklängen und digital verzerrten Sequenzen bestehen und sich trotz der Gegensätze zum Grundmotiv in die musikalisch gelungene Handwerksarbeit nahtlos einfügen.

 

Spielerische Zweideutigkeit

Im Gegensatz zu "Eyes in the Darkness" funktionieren alle anderen Songs auf "Count the Rings" vom Prinzip her genau andersherum: Zuerst bauen die Annuals mit bekannten Motti, wie gezupften Gitarrensaiten ("The giving Tree") oder einem rockigen Intro ("Hair don't grow") Vertrauen auf, nur um dann vom Unbeschwerten ins verspielt Experimentelle abzudriften. So werden die Trompeten in "Holler and Howl" erst verzerrt, nachdem sie dem Hörer persönlich als wirkliche Instrumente vorgestellt wurden. Anschließend erzeugt die digitale Zerstückelung ihrer Töne einen ungewöhnlichen Stakkato-Rhythmus, der sich zunächst etwas unwirklich, aber doch stimmig in die gesamte Komposition einfügt.

Auch die Lyrics zelebrieren diese zarte Ambiguität. So gesteht das lyrische Ich in "Always Do": "I am gonna make you, if you don't love me, if you don't love me, I don't make it true". Die gesungenen Passagen nutzen die Gegensätze nicht um eine Entscheidung zwischen dem einen oder dem anderen zu treffen. Vielmehr vermischen sie diese Zwiespälte zu einem stimmigen Ganzen.

"Count the Rings" ist keine musikalische Revolution oder das eine Album, das man mit auf eine einsame Insel nehmen will, um es dort immer wieder und wieder zu hören. Doch es ist eine warme Klangdecke, die man immer dann herausholen kann, wenn einem kalt ums Herz wird. Der Stoff aus dem sie gemacht ist, gleicht einer undurchdringliche aber beständigen Zweideutigkeit, die das Album zu einem perfekten Zufluchtsort vor der digital dahinrauschenden Welt macht, die nur auf ihre Gewissheiten und ihre klare Angaben fixiert ist.


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