Spielerische Zweideutigkeit
Im Gegensatz zu "Eyes in the Darkness" funktionieren alle anderen Songs auf "Count the Rings" vom Prinzip her genau andersherum: Zuerst bauen die Annuals mit bekannten Motti, wie gezupften Gitarrensaiten ("The giving Tree") oder einem rockigen Intro ("Hair don't grow") Vertrauen auf, nur um dann vom Unbeschwerten ins verspielt Experimentelle abzudriften. So werden die Trompeten in "Holler and Howl" erst verzerrt, nachdem sie dem Hörer persönlich als wirkliche Instrumente vorgestellt wurden. Anschließend erzeugt die digitale Zerstückelung ihrer Töne einen ungewöhnlichen Stakkato-Rhythmus, der sich zunächst etwas unwirklich, aber doch stimmig in die gesamte Komposition einfügt.
Auch die Lyrics zelebrieren diese zarte Ambiguität. So gesteht das lyrische Ich in "Always Do": "I am gonna make you, if you don't love me, if you don't love me, I don't make it true". Die gesungenen Passagen nutzen die Gegensätze nicht um eine Entscheidung zwischen dem einen oder dem anderen zu treffen. Vielmehr vermischen sie diese Zwiespälte zu einem stimmigen Ganzen.
"Count the Rings" ist keine musikalische Revolution oder das eine Album, das man mit auf eine einsame Insel nehmen will, um es dort immer wieder und wieder zu hören. Doch es ist eine warme Klangdecke, die man immer dann herausholen kann, wenn einem kalt ums Herz wird. Der Stoff aus dem sie gemacht ist, gleicht einer undurchdringliche aber beständigen Zweideutigkeit, die das Album zu einem perfekten Zufluchtsort vor der digital dahinrauschenden Welt macht, die nur auf ihre Gewissheiten und ihre klare Angaben fixiert ist.

